Havertz in Chicago: 'Kein großes Drama' im DFB-Sturm vor der WM 2026
Kai Havertz hat sich in Chicago erstmals zur DFB-Sturmkonkurrenz geäußert. Was er über Woltemade, Undav und seine eigene Rolle vor der WM 2026 sagt.
Von Lukas Brandt 04. Juni 2026
Kai Havertz hat die Frage des WM-Sommers in fünf Worten beantwortet. “Es wird kein Drama geben”, sagte der Stürmer am Mittwochabend in Chicago, knapp 24 Stunden nach seiner verspäteten Anreise zum DFB-Team und drei Tage nach der bittersten Niederlage seiner Vereinskarriere. Gemeint war die Konkurrenz im deutschen Sturm. Gemeint war auch er selbst.
Was Havertz über Woltemade und Undav gesagt hat
Die Pressekonferenz in Chicago war Havertz’ erster öffentlicher Auftritt seit dem verlorenen Champions-League-Finale mit Arsenal gegen Paris Saint-Germain am vergangenen Samstag in München. Der DFB hatte ihm die Bühne in Chicago genau dafür gegeben: Es ging weniger um das verlorene Endspiel als um die Frage, mit welcher Selbstwahrnehmung der 26-Jährige jetzt zur WM-Vorbereitung stößt.
Havertz’ Antwort fiel ungewöhnlich konkret aus. Er beschrieb seine zwei Mitbewerber Nick Woltemade und Deniz Undav nicht als Konkurrenten, sondern als komplementäre Profile. “Wir sind alle drei Spieler, die den Ball gerne am Fuß haben”, sagte er. “Deniz hat so eine Nase für den Strafraum, Nick ist einer, der das auch hat und technisch top mit dem Ball ist. Ich bin vielleicht eine Mischung aus beidem.” Erst danach kam der Satz, der am Donnerstag in allen Schlagzeilen stand: “Es wird kein großes Drama geben. Wir müssen als Mannschaft funktionieren, und jeder braucht jeden.”
Der Satz ist nicht zufällig gefallen. Seit der Kader-Nominierung Ende Mai und vor allem seit den Testspielen gegen Finnland und die USA hat die deutsche Sportpresse die Sturmkonkurrenz als ungelöste Personalie behandelt. Nagelsmann hat sich öffentlich nicht festgelegt, Woltemade hat in den Tests Anspruch angemeldet, Undav ist in starker Pflichtspielform aus Stuttgart angereist. Havertz wiederum saß bis zur vergangenen Woche bei Arsenal. Die Konstellation hat die Frage geboren, ob im DFB-Sturm Reibung entsteht, bevor das erste WM-Spiel angepfiffen ist.
”Mischung aus beidem” - was die Selbstklassifizierung bedeutet
Bemerkenswert ist nicht das Dementi, sondern die Selbstklassifizierung. Havertz hat sich öffentlich als Hybrid eingeordnet - mit Strafraum-Instinkt wie Undav, mit Ball-Verbindung wie Woltemade. Das ist genau das Profil, das Nagelsmanns Spielidee braucht: Eine Sturmspitze, die im Halbraum als Anker dient, sich aber auch tief fallen lassen kann, um die Räume für Wirtz und Musiala aufzureißen.
Die reine Zahlenseite spricht ohnehin für Havertz: 18 Tore und 9 Vorlagen in der Nagelsmann-Ära seit der EM 2024, mit Abstand der DFB-Topscorer. Die qualitative Frage - wer setzt die Tor-Chancen am besten in echte Tore um - lässt sich vor einem WM-Turnier nicht statistisch klären; sie wird in Houston auf dem Platz beantwortet. Nagelsmann hat in der gleichen Chicago-Runde Havertz’ Wert betont: dessen Bedeutung für die Mannschaft sei “nicht nur durch das Tor sichtbar, sondern auch durch die harte Arbeit und die brutale Kopfballstärke”, zitierte ihn dfb.de.
Was Havertz’ Statement zusätzlich entschärft: Er macht Woltemade und Undav explizit zu Optionen, nicht zu Rivalen. In einem WM-Turnier mit potenziell sieben Spielen in 35 Tagen wird genau diese Rotationsbereitschaft kaderpolitisch entscheidend. Wer früh ausfällt - durch Gelb-Rot, durch Muskelfaserriss oder durch ein nicht-funktionierendes Spielsystem -, soll keine Krise auslösen.
Schnell beim Team: warum die späte Anreise kein Risiko ist
Havertz war am Dienstag zusammen mit dem DFB-Tross nach Chicago geflogen, nachdem die Mannschaft den Aufenthalt in Herzogenaurach beendet hatte. Drei Tage zuvor hatte er gemeinsam mit Mikel Arteta in München das CL-Finale 1:2 verloren - ein Spiel, in dem er auf Treffer eins gefehlt hatte. Die DFB-Medizinabteilung war bei der Belastungssteuerung mitgegangen: Havertz hatte keine Verletzung, aber das emotionale und physische Maximum eines englischen Saisonschlussspurts hinter sich.
Am Mittwoch absolvierte er die erste vollständige Trainingseinheit mit dem Team. Der Bundestrainer hatte vor dem Abflug betont, dass Havertz’ Wert nicht in der Vorbereitungs-Belastung liege, sondern in der Spielintelligenz, die ihn auch nach einer Pause unmittelbar einsatzfähig mache. Dass er für den USA-Test in Hartford am 7. Juni in der Startelf stehen wird, gilt im DFB-Lager als wahrscheinlich. Ob die volle Belastung über 90 Minuten kommt, ist offen.
Wer steht jetzt vor wem im DFB-Sturm?
Stand 4. Juni 2026, mit zehn Tagen bis zum Curaçao-Auftakt, sieht die Hierarchie im DFB-Sturm so aus, wie sie Nagelsmann seit Wochen kommuniziert: Havertz ist die Nummer eins, wenn er fit ist. Woltemade ist die Nummer zwei für das System - bevorzugt, wenn die DFB-Elf ein tief stehendes Curaçao mit Tempo aus dem Halbraum knacken will. Undav ist die Joker-Option für den Strafraum-Abschluss in der zweiten Halbzeit.
Die Auslosung in Gruppe E gibt dem DFB drei Spiele Zeit, die Reihenfolge zu sortieren: Curaçao (14. Juni in Houston), Elfenbeinküste (20. Juni in Toronto), Ecuador (25. Juni in New York / New Jersey). Im günstigsten Verlauf hat Havertz seinen Spitzenplatz vor der K.-o.-Phase bestätigt. Im ungünstigeren reicht das Statement aus Chicago, um den Sturm in der WM zu pazifizieren - und nicht erst, wenn das erste Spiel verloren wäre.
Der Satz “kein großes Drama” hat in der DFB-Geschichte mehrere Vorläufer. Manchmal hat er gehalten - 2014, als Klose, Müller und Götze sich die Rollen sortiert haben. Manchmal nicht - 2018, als die Sturmfrage in Russland ungelöst blieb. Welche der beiden Versionen Havertz in Chicago zitiert hat, wird sich zeigen. Bis dahin steht die Aussage des wichtigsten Stürmers im Raum und lautet: Wir bekommen das schon hin.
Weiterführend: Die Gesamteinordnung der DFB-Chancen bei der WM 2026 zeigt, warum die Sturmfrage und die Torwartfrage - Neuer trainiert in Chicago noch nicht voll mit - die zwei letzten offenen Punkte vor dem Curaçao-Auftakt sind.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.