Infantino witzelt über Italien: 'Vielleicht qualifizieren sie sich bei 208 Teams'
Vor dem WM-Eröffnungsspiel spottet FIFA-Chef Infantino in CazeTV-Interview über Italien: 'Vielleicht qualifizieren sie sich bei 64 Teams - oder bei 208.' Italiens Sportminister Abodi reagiert pikiert.
Von Marco Feldmann 12. Juni 2026
Es waren zwei Sätze, abgesetzt am Freitagabend um 22:37 Uhr Ortszeit, wenige Stunden vor dem Anpfiff der WM 2026. FIFA-Präsident Gianni Infantino sprach im Interview mit dem brasilianischen Digitalsender CazeTV über die Idee einer 64-Mannschaften-WM 2030 - und schob den Italienern, deren Wurzeln er teilt, einen Witz in Richtung Heimat hinterher: “Vielleicht qualifiziert sich Italien bei 64 Teams. Oder wir könnten sogar auf 208 Mannschaften gehen.” In Rom kam die Spitze schlecht an. Italiens Sportminister Andrea Abodi reagierte “perplex”. Der Witz öffnet zugleich eine Tür zu der ungelösten Streitfrage, die seit Monaten in der FIFA gärt: Soll die WM 2030 zum Jubiläum auf 64 Teams aufgeblasen werden? Und wenn ja - geht damit der sportliche Wert des Turniers verloren?
Das Zitat im Wortlaut
Der Auftritt fiel ins Vorprogramm des WM-Eröffnungsspiels zwischen Mexiko und Südafrika im Aztekenstadion. CazeTV hatte Infantino als Sonderinterview vor der Show. Die Kernpassage zum Mitlesen:
“Vielleicht qualifiziert sich Italien bei 64 Teams. Oder wir könnten sogar auf 208 Mannschaften gehen.”
Die Zahl 208 ist kein Zufallswert. Genau so viele Nationalverbände gehören der FIFA an. Infantinos Punkt: Selbst wenn man jedes Mitgliedsland mitnehmen würde, wäre Italiens Teilnahme keine Selbstverständlichkeit mehr. Im Subtext steckt damit eine doppelte Spitze - eine gegen Italien, eine gegen die eigenen Aufstockungs-Pläne, die der FIFA-Chef sonst gerne verteidigt.
Warum es trifft: Italien fehlt zum dritten Mal in Folge
Italien ist viermaliger Weltmeister, hat 1934, 1938, 1982 und 2006 den Pokal geholt - mehr als alle außer Brasilien und Deutschland. Aktuell aber ist die Squadra Azzurra in der Mittelfristbilanz die größte Sport-Tragödie Europas:
- 2018 in Russland: nicht qualifiziert (Playoff-Aus gegen Schweden).
- 2022 in Katar: nicht qualifiziert (Playoff-Aus gegen Nordmazedonien).
- 2026 in Nordamerika: nicht qualifiziert (Playoff-Aus gegen Bosnien-Herzegowina im Elfmeterschießen).
Die europäische WM-Qualifikation hat Norwegen als Gruppensieger gesehen, Italien rutschte als Zweiter in die Playoffs. Das Halbfinale gegen Nordirland gewannen die Azzurri noch souverän, im Finale aber war im Elfmeterschießen Schluss. Den ganzen Hintergrund hatten wir im April im Text zu Italiens WM-Aus 2026 eingeordnet, das Playoff-Drama selbst im Bericht zum Italien-Bosnien-Endspiel.
Für eine Fußballnation, die ihren Selbstwert aus großen Turnieren zieht, ist das eine strukturelle Krise. Reform-Diskussionen um die Serie A, um zu wenige italienische Stammspieler in den Top-Klubs, um die Nachwuchsförderung beim Verband FIGC laufen seit Jahren. Infantinos Witz wirkt auf diesem Hintergrund nicht harmlos, sondern wie ein Stich in die offene Wunde.
Die 64-Teams-Subdebatte
Der Aufhänger für Infantinos Spruch ist eine sehr ernst gemeinte FIFA-Debatte. CONMEBOL-Präsident Alejandro Domínguez hatte im März 2025 vorgeschlagen, die WM 2030 als Jubiläumsturnier zum 100-jährigen Bestehen der Weltmeisterschaft (Premiere 1930 in Uruguay) auf 64 Teams aufzustocken - 128 Spiele insgesamt, doppelt so viele wie 2022. Domínguez argumentiert mit dem Slogan, es sei “unsere Party”. Die WM 2030 hat ohnehin schon ein Sonderformat: Hauptgastgeber sind Marokko, Spanien und Portugal, drei Eröffnungsspiele finden in Uruguay, Argentinien und Paraguay statt.
UEFA-Präsident Aleksandar Ceferin hat die Idee dagegen klipp und klar als “schlechte Idee” zurückgewiesen - sowohl für das Turnier selbst als auch für die Qualifikation. Auch in der AFC und in der CONCACAF sind die Vorbehalte groß. Die FIFA hat keinen Beschluss gefasst, der FIFA-Council prüft. Wer den Stand der Debatte verfolgt, sieht Infantino in einem Spagat: Öffentlich gibt er sich ergebnisoffen, hinter den Kulissen treibt er die Aufstockung mit voran. Sein CazeTV-Witz dürfte in Brüssel und Nyon nicht versehentlich gefallen sein.
Abodi reagiert: “Lieber zum Telefon greifen”
Italiens Sportminister Andrea Abodi gehört nicht zu den Hitzköpfen im römischen Kabinett. Seine Antwort am späten Freitagabend war entsprechend nüchtern, aber spitz: “Angesichts der großen Entfernung zwischen Italien und Mexiko würde ich lieber zum Telefon greifen, um das zu verstehen.” Eine direkte Replik des italienischen Verbands FIGC stand am Samstagmorgen noch aus. Der politische Hintersinn ist klar: Abodi möchte das Thema nicht in den Boulevard, sondern in einen direkten Draht zum FIFA-Boss verlagern - und nimmt Infantino implizit das öffentliche Stänkern übel.
Pikant ist die Personalie. Infantinos Eltern stammen aus dem norditalienischen Reggello bei Florenz, die Familie zog später in den Schweizer Kanton Tessin. Der FIFA-Chef hat die italienische und die schweizerische Staatsbürgerschaft, spricht akzentfrei beide Sprachen. Dass ausgerechnet er Italien öffentlich karikiert, hat in römischen Medien dieselbe Schlagzeile produziert wie Abodis Quote: “Infantino verspottet das eigene Land.”
Zampolli-Vorgeschichte: Wildcard für Italien
Der CazeTV-Witz ist nicht der erste Berührungspunkt zwischen Italien und der WM 2026 in dieser Saison. Im April hatte der US-Sonderbeauftragte für globale Partnerschaften, Paolo Zampolli - ebenfalls italienischstämmig, langjähriger Trump-Vertrauter und Mit-Verantwortlicher der Trump-Knauss-Liaison - der FIFA öffentlich vorgeschlagen, Italien solle Iran ersetzen. Zampolli: “Ich habe Trump und Infantino vorgeschlagen, dass Italien Iran bei der WM ersetzen sollte.” Vier WM-Titel, sagte er, gäben Italien “die Reputation, die eine Aufnahme rechtfertigt”.
Infantino hatte den Vorstoß damals höflich, aber bestimmt zurückgewiesen: “Die iranische Mannschaft kommt definitiv. Sport sollte nichts mit Politik zu tun haben.” Vor dem Hintergrund dieser Vorgeschichte wirkt der CazeTV-Witz noch eine Spur problematischer: Italien war im FIFA-Apparat als WM-Ersatz im Gespräch und wird jetzt vom obersten Chef öffentlich verspottet. Wer Infantinos politische Positionierung zwischen FIFA, Trump-Achse und CONMEBOL nachvollziehen will, findet die Linien dort.
Was bedeutet das für die WM 2030?
Eine harte Nachricht ist Infantinos Spruch nicht. Er ist ein Stimmungsbild - und das ist sportpolitisch wertvoll. Denn er zeigt, wie der FIFA-Chef die 64-Teams-Debatte intern positioniert: Aufstockung ist möglich, aber unverhandelbar ist sie nicht; Witz darüber gehört zum Spielraum. Wer Infantinos Pressekonferenz vom 10. Juni in Mexiko-Stadt mitgehört hat - die Sportschau-Kollegen haben sie unter dem Titel “Ich bedauere gar nichts” eingeordnet, im Detail nachzulesen im Bericht zur Infantino-PK in Mexiko-Stadt - merkt: Der FIFA-Boss probiert vor den Drei-Länder-Spielen verschiedene Tonlagen aus.
Eine 64-Teams-WM 2030 würde 128 Spiele bedeuten, eine logistische Herausforderung selbst für die geographisch ohnehin schon gespreizte Marokko-Spanien-Portugal-Uruguay-Argentinien-Paraguay-WM. Sie würde die sportliche Hürde für Qualifikation in Europa und Südamerika absenken - was Italien als chronischen Playoff-Verlierer faktisch begünstigen würde. Insofern hat Infantinos Witz, so unfair er klingt, eine bittere statistische Pointe: Bei 64 Teams hätten die Italiener tatsächlich realistische Chancen, die Quali wieder zu schaffen. Bei 208 Teams sowieso. Bei 48 - wie 2026 - mussten sie sich nach Norwegen-Pleite und Bosnien-Drama eingestehen, dass die Welt sportlich vorbeigezogen ist.
Der Fahrplan
- Sa, 13.06.2026: erste komplette Spielnacht der WM 2026 mit USA-Paraguay und Katar-Schweiz, Anstoßzeiten im Zeitplan deutscher Zeit.
- Juli 2026 (nach dem Turnier): FIFA-Council-Sitzung mit dem Aufstockungs-Vorschlag als Tagesordnungspunkt.
- 2027: Voraussichtlicher Termin eines FIFA-Council-Beschlusses zur WM-2030-Größe.
- Juni 2030: WM 2030 zum 100-jährigen Jubiläum in Marokko/Spanien/Portugal mit Eröffnungs-Trio in Uruguay/Argentinien/Paraguay.
Häufige Fragen: Infantino, Italien und die 64-Teams-WM
Die wichtigsten Antworten zur CazeTV-Wortmeldung in der FAQ-Box oben - vom Wortlaut über Italiens Quali-Drama und Abodis Reaktion bis zum Stand der 64-Teams-Debatte und der Zampolli-Vorgeschichte.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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