Infantino in Mexiko-Stadt: 'Ich bedauere gar nichts'
Zwei Tage vor Anpfiff stellt sich FIFA-Chef Infantino erstmals seit drei Jahren freier Presse. In Mexiko-Stadt verteidigt er Visa, Ticketpreise und die Trump-Naehe.
Von Marco Feldmann 10. Juni 2026
Zwei Tage vor dem Anpfiff der Fussball-WM 2026 im Aztekenstadion stellt sich FIFA-Praesident Gianni Infantino am Montag, 9. Juni 2026, in Mexiko-Stadt freier Presse. Es ist seine erste Pressekonferenz dieser Art seit drei Jahren. Der Tonfall ist eindeutig: keine Selbstkritik, keine Konzession, keine Korrektur. Der Satz, den die Sportschau-Redaktion in die Schlagzeile hebt, faellt auf die Frage, ob er die Vergabe an die USA bereue - “Ich bedauere gar nichts.”
Worum die Pressekonferenz wirklich kreiste
Infantino eroeffnet mit einer fast bittenden Ansage: “Ich hoffe, dass wir heute auch ein bisschen ueber Fussball sprechen koennen.” Doch der Saal will nicht ueber Fussball reden. Die Fragen kreisen um das, was die letzten Wochen die deutsche, britische und US-amerikanische Berichterstattung dominiert hat: die verweigerte Einreise des somalischen WM-Schiedsrichters Omar Artan, die Visa-Probleme iranischer Funktionaere und Fans, die Ermittlungen zweier US-Staatsanwaltschaften gegen die FIFA-Ticketpraxis, die enge Beziehung zu Donald Trump, der die Eroeffnung in Mexiko-Stadt nicht persoenlich besucht.
Drei Jahre ohne PK mit freier Presse haben einen Druckueberschuss erzeugt; entsprechend hart sind die Vorlagen, mit denen Journalistinnen und Journalisten Infantino aus der Reserve zu locken versuchen. Er bleibt durchgehend defensiv, formuliert in Allgemeinplaetzen und weicht in vielen Fragen auf staatliche Hoheit aus.
”Ich bedauere gar nichts” - die Antwort auf die WM-Vergabe-Frage
Der Schluesselsatz faellt, als ein Reporter direkt fragt: Bereust du, dass du die WM 2026 in die USA, nach Kanada und Mexiko vergeben hast? Infantino antwortet ohne Pause:
“Ich bedauere gar nichts.”
Es ist die Linie, die er die ganze PK durchhaelt. Kein Wort darueber, dass die FIFA bei der Vergabe 2018 mit anderen politischen Rahmenbedingungen kalkuliert hatte als jenen, die heute herrschen. Kein Hinweis auf die Visa-Sperren, die unter der ersten Trump-Amtszeit noch nicht existierten und unter der zweiten zum Standard wurden. Auch die in Deutschland breit diskutierte Boykott-Debatte greift er nicht auf, obwohl der Hashtag im Mai und Juni durch deutsche Twitter-Timelines lief.
Stattdessen verteidigt er die Vergabe-Logik: Drei Co-Gastgeber, 48 Teams, 104 Spiele, die Eroeffnung im Aztekenstadion am 11. Juni mit Mexiko gegen Suedkorea - ein Programm, wie es kein Turnier vorher hatte. Wer in dieser Architektur einen Fehler suche, sagt Infantino sinngemaess, suche an der falschen Stelle.
Visa und Einreise: “Wir sind nicht die Koenige der Welt”
Der haerteste Block der PK kreist um die Einreise. Omar Artan, der somalische FIFA-Schiedsrichter, hat sein US-Visum trotz mehrfacher Eskalation nicht erhalten. Iranische DFB-Funktionaere wurden in Ankara abgewiesen. Iranischen Fans wurde der Ticket-Zugang faktisch versperrt. Die Trump-Administration hatte CNN gegenueber den somalischen Verband mit Verbindungen zur Al-Shabaab-Miliz in Verbindung gebracht, eine Behauptung, die der Verband zurueckweist.
Auf die Frage, was die FIFA hier unternommen habe, antwortet Infantino:
“Wir sind nicht die Koenige der Welt, die Regierungen ueberstimmen koennen.”
Im Iran-Fall fuegt er hinzu, er sei bereit gewesen, persoenlich nach Teheran zu fliegen, um das Team zu holen - eine Aussage, die im Saal ohne Resonanz bleibt. Konkret heisst das: Die FIFA habe die Visa-Probleme angesprochen, aber keine durchsetzbare Hebel. Eine Erklaerung, die fuer die Familien der abgewiesenen Funktionaere wenig hergibt - und die Frage offen laesst, warum die FIFA-Vergabe an einen Gastgeber erfolgte, ueber dessen Einreise-Hoheit man jetzt ratlos die Schultern zucken muss.
Ticketpreise und Staatsanwaltschaft: “Jeder Dollar wird zurueck in den Fussball investiert”
Der zweite Konflikt-Block sind die Preise. Eintrittskarten fuer die Gruppenphase liegen im Schnitt deutlich ueber jenen von Katar 2022, die Top-Spiele und die K.-o.-Runde sind teilweise nur ueber den dynamischen Sekundaermarkt zu bekommen, eine FIFA-Panne im Mai liess 60 Fans Tickets zum Nullpreis abgreifen. Zwei US-Staatsanwaltschaften - aus New York und New Jersey - haben Untersuchungen gegen die FIFA-Ticketing-Strukturen eingeleitet.
Infantino bleibt knapp:
“Wir sind sehr entspannt, was das angeht.”
Die Preise seien marktueblich fuer den US-Sportmarkt; jeder Dollar fliesse zurueck in den Fussball, sagt er. Das ist die Standardformel der letzten Jahre - sie hat schon 2022 die Diskussion ueber Katars Stadion-Bau-Bedingungen ueberlagert. Wie genau der “Rueckfluss in den Fussball” gemessen wird, wo die Grenze zwischen FIFA-Verwaltungsausgaben, Trump-Tower-Buero in Manhattan und Klub-Entschaedigungen verlaeuft, bleibt erneut offen. Die staatsanwaltschaftliche Ermittlung wird die PK ueberdauern.
Trump-Beziehung: “Eine grossartige Beziehung”
Der Trump-Block ist der einzige, in dem Infantino offensiv auftritt:
“Ich habe eine grossartige Beziehung zu Donald Trump und bin sehr froh darueber.”
Er wiederholt damit das, was er seit der zweiten Trump-Amtszeit konsistent sagt - und was wir in unserer Chronologie der Infantino-Trump-Achse im Detail nachgezeichnet haben: mindestens sieben offen kommunizierte Treffen 2025, der FIFA Peace Prize fuer Trump bei der Auslosung im Dezember, der gemeinsam vorgestellte FIFA-Pass fuer WM-Ticketinhaber, die FIFA-Buero-Etage im Trump Tower, die geplante Verlagerung von Infantinos Arbeitsstandort in die Naehe von Mar-a-Lago waehrend des Turniers.
Was er nicht sagt: dass Trump die Eroeffnung in Mexiko-Stadt nicht besucht. Aztekenstadion-Praesident und mexikanischer Verband haben das laut vorab kommuniziert. Buergermeisterin Clara Brugada hat fuer den 11. Juni Schulfrei und Homeoffice ausgerufen, die Eroeffnungsfeier mit Shakira, J Balvin und Mana ist ausverkauft - mit oder ohne den US-Praesidenten. Auf der PK in Mexiko-Stadt zwei Tage davor ist das kein Thema.
Was nicht beantwortet wurde - und was als Naechstes ansteht
Der Sportschau-Bericht endet mit der Feststellung, dass viele Themen der letzten drei Jahre weiter unbeantwortet bleiben. Hitze in Houston bei Tagesmaximaltemperaturen ueber 35 Grad, die FIFA-Wasserflaschen-Kehrtwende auf 590 ml nach Spielergewerkschaft-Druck, die von der Sport Rights Alliance beklagte FIFA-Kommunikations-Strategie gegenueber Reportern, die Klima-Folgen einer drei-Laender-WM mit 104 Spielen - all das taucht in den 60 Minuten nicht auf.
Anschliessend zieht der FIFA-Tross weiter ins Aztekenstadion. Am Donnerstag, 11. Juni, 02:00 Uhr MESZ pfeift Schiedsrichter Cesar Arturo Ramos das Eroeffnungsspiel an: Mexiko gegen Suedkorea auf der Buehne, die seit 1970 und 1986 zum Symbol der WM-Geschichte gehoert. Infantino wird auf der Tribuene sitzen. Ob er dabei tatsaechlich an gar nichts denkt, was er bedauert, weiss nur er selbst.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.