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WM-Geschichte

Kevin Keegan mit 75 gestorben: HSV-Legende, Ballon-d'Or-Sieger, England-Kapitän

Kevin Keegan, HSV-Meister 1979 und zweifacher Europas Fußballer des Jahres 1978+1979, ist am 20. Juli 2026 im Alter von 75 Jahren an Krebs gestorben. Nachruf.

Von Marco Feldmann 20. Juli 2026

1977 in Rom: Kevin Keegan im Duell mit Berti Vogts im Europapokalfinale Liverpool gegen Borussia Mönchengladbach. Kurz nach dem 3:1-Sieg der Reds wechselte Keegan zum Hamburger SV. Foto: Pierre Rollot / PieMags via SmartFrame

Der englische Fußball verliert einen seiner prägenden Stürmer, der deutsche eine seiner internationalsten Bundesliga-Ikonen: Kevin Keegan ist am Montag, dem 20. Juli 2026, im Alter von 75 Jahren an Krebs gestorben. Das teilte die Familie am Nachmittag Ortszeit mit. Der Hamburger SV, sein prägender Verein außerhalb Englands, kündigte an, nach einem Nachruf und einem Tor-Video den Rest des Tages die öffentliche Kommunikation einzustellen. In Deutschland trifft die Nachricht auf einen Fußball, der Keegan doppelt einbetten kann: als HSV-Meister von 1979 und als englischen Nationaltrainer, dessen letztes Länderspiel im alten Wembley am 7. Oktober 2000 mit einem 0:1 gegen die DFB-Auswahl endete.

Drei Jahre HSV, deutscher Meister, Europas Fußballer des Jahres

Als Keegan im Sommer 1977 vom FC Liverpool zum Hamburger SV wechselte, war der Transfer für 500.000 Pfund britischer Rekord und für die Bundesliga eine Zeitenwende. Der Stürmer kam vom aktuellen Europapokalsieger, hatte in Rom im Finale gegen Borussia Mönchengladbach genau jene deutsche Härte kennengelernt, gegen die er sich in der Bundesliga behaupten sollte, und war für die Vermarktung des HSV eine Kategorie, die es in der Bundesliga bis dahin kaum gegeben hatte.

Die erste Saison in Hamburg wurde eine Ernüchterung. Der HSV landete auf Platz zehn, Keegan traf zwar, die Mannschaft aber blieb hinter den Erwartungen zurück. Die zweite Saison drehte den Kompass. Unter Trainer Branko Zebec, der die Mannschaft mit einer klaren Struktur, harter Zweikampfarbeit und einer neuen Fitness bediente, wurde Keegan zum Zentrum eines Angriffs, der die Bundesliga 1978/79 mit 78 Toren dominierte. Der HSV holte die erste Meisterschaft seit 1960 und feierte 21 Bundesligasiege in einer Saison, in der Keegan mit 17 eigenen Treffern und einer Serie sehenswerter Vorlagen zum bestimmenden Spieler wurde.

Der doppelte Ballon d’Or 1978 und 1979 folgte in beiden Jahren aus dieser HSV-Zeit. Damit war Keegan der bis heute einzige Bundesligaspieler, der in zwei aufeinanderfolgenden Jahren als Europas Fußballer des Jahres ausgezeichnet wurde. In seiner dritten und letzten HSV-Saison führte er die Mannschaft ins Finale des Europapokals der Landesmeister, das die Hamburger im Mai 1980 in Madrid 0:1 gegen Nottingham Forest verloren. Insgesamt 90 Bundesligaspiele und 32 Tore stehen für den HSV in Keegans Statistik.

Vom Scunthorpe-Aushilfsstürmer zur Liverpool-Ikone

Der Weg dorthin war einer der unwahrscheinlichsten des englischen Fußballs. Geboren im Norden Englands als Sohn eines Bergarbeiters, begann Keegan 1968 bei Scunthorpe United im Viertkasten, spielte dort drei Jahre lang 124 Ligaspiele und zog erst 1971 zum FC Liverpool. Unter Trainer Bill Shankly und später Bob Paisley wurde er dort zum Symbol einer Ära, die englischen Vereinsfußball für ein Jahrzehnt weltweit dominierte.

Sechs Jahre Liverpool bedeuteten drei englische Meisterschaften, einen FA-Cup-Sieg, zwei UEFA-Cup-Titel und im letzten Spiel für die Reds den 3:1-Erfolg im Europapokal der Landesmeister gegen Borussia Mönchengladbach in Rom. Berti Vogts, sein Bewacher im Endspiel, sollte Jahrzehnte später als Bundestrainer Keegans englischer Konkurrent in Wembley werden.

Nach dem HSV kehrte Keegan 1980 nach England zurück, spielte zwei Jahre für den FC Southampton, wurde in der Saison 1981/82 zum englischen Spieler des Jahres gewählt (26 der 72 Southampton-Ligatore auf seinem Konto) und wechselte 1982 zu Newcastle United, wo er seine Karriere 1984 mit dem Aufstieg in die First Division beendete.

63 Länderspiele und die traurige WM 1982 in Spanien

Als Nationalspieler kam Keegan zwischen 1972 und 1982 auf 63 Einsätze für England und 21 Tore. 31 Mal führte er die Three Lions als Kapitän aufs Feld. Er trug die Kapitänsbinde bei der Europameisterschaft 1980 in Italien und war der Fixpunkt einer englischen Mannschaft, die nach zwölf Jahren erstmals wieder ein großes Turnier bestritt.

Die WM 1982 in Spanien blieb tragisch. Keegan reiste als Kapitän und Weltklasse-Stürmer an, wurde aber von chronischen Rückenproblemen ausgebremst und ließ die ersten vier Turnierpartien Englands aus. Erst im entscheidenden Zweitrundenspiel gegen Gastgeber Spanien am 5. Juli 1982 im Estadio Santiago Bernabéu in Madrid kam er für die letzten 26 Minuten in die Partie. Im Zentrum steht bis heute ein verpasster Kopfball aus zwei Metern, der England die 1:0-Führung und den Einzug ins Halbfinale gebracht hätte. Das 0:0 bedeutete das WM-Aus einer englischen Mannschaft, die als einzige des Turniers ungeschlagen geblieben war. Es war Keegans einziger und letzter Einsatz bei einer Weltmeisterschaft.

Newcastle-Trainer, England-Bundestrainer und das letzte Wembley gegen Deutschland

Nach der aktiven Karriere trainierte Keegan erst Newcastle United von 1992 bis 1997, führte den Klub aus der zweiten Liga in die Premier League, verpasste 1995/96 den Meistertitel nur knapp gegen Manchester United und lieferte sich mit Alex Ferguson eines der berühmtesten Trainerduelle der 1990er Jahre. Nach kurzen Stationen beim FC Fulham übernahm er im Februar 1999 die englische Nationalmannschaft.

Sein letztes Länderspiel als englischer Bundestrainer wurde ein historischer Bruch. Am 7. Oktober 2000 empfing England in einer WM-Qualifikationsbegegnung Deutschland im alten Wembley, dem Zeremonienstadion des englischen Fußballs. Es war das letzte Länderspiel dort vor dem Abriss. Dietmar Hamann traf in der 14. Minute per Freistoß aus 30 Metern zum 1:0 für die DFB-Auswahl. Nach dem Abpfiff verkündete Keegan seinen Rücktritt in den Katakomben. Für das englische Fußball-Bewusstsein blieb der Moment doppelt: das letzte Wembley-Spiel und der Rücktritt in einer Niederlage gegen ausgerechnet den deutschen Fußball, der Keegan zwischen 1977 und 1980 zweimal zu Europas Fußballer des Jahres gemacht hatte.

Später trainierte er noch Manchester City (2001 bis 2005) und übernahm 2008 für acht Monate ein zweites Mal Newcastle United. Danach zog er sich weitgehend zurück.

Nachrufe der Familie und des HSV

Der Hamburger SV kündigte am Montagabend an, im Anschluss an seinen Nachruf noch ein Tor Keegans auf den vereinseigenen Kanälen zu posten und die öffentliche Kommunikation für den Rest des Tages einzustellen. Für den Klub ist der Tod des Ballon-d’Or-Siegers 1978 und 1979 ein Verlust, der über die eigene Vereinsgeschichte hinaus in die Bundesliga-Historie hineinstrahlt. Die englische Fußball-Öffentlichkeit reagierte in vergleichbarer Trauer, Klubs wie Liverpool, Southampton und Newcastle publizierten am Montagabend Nachrufe.

Keegan reiht sich in eine Serie von Nachrufen ein, die dieses Turnier begleitet haben, vom Tod des Brasilien-Weltmeisters 1970 Brito am Vorabend des WM-Auftakts über Antonio Rattín, Argentiniens legendären Kapitän von 1966, bis heute. Für den deutschen Fußball ist der Tod Keegans zugleich ein Moment, der eine kleine Serie schließt: Der letzte doppelte Ballon-d’Or-Sieger, der in der Bundesliga spielte, ist gegangen. Für die englische Torschützen-Erzählung, die bei der WM 2026 mit Harry Kane und Jude Bellingham frisch geschrieben wurde, bleibt Keegans Weg der Referenzrahmen, an dem sich moderne Karrieren messen lassen. Und für den englischen Fußball ist der Verlust der HSV-Legende ein Grund, sich einmal mehr zu erinnern, dass die 1970er Jahre englischer Fußballherrlichkeit auch ein deutsches Kapitel hatten.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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