Sandro Mazzola tot: Italiens WM-1970-Vizeweltmeister und Inter-Legende stirbt mit 83
Sandro Mazzola, Italiens Vizeweltmeister 1970 und 19 Jahre lang Inter-Mailand-Star unter Herrera, ist am 19. September 2026 mit 83 Jahren in Mailand gestorben.
Von Marco Feldmann 19. September 2026
Italien trauert um einen seiner groessten Fussballer der Nachkriegszeit. Alessandro “Sandro” Mazzola, geboren am 8. November 1942 in Turin, ist nach Angaben seines lebenslangen Klubs Inter Mailand in den fruehen Morgenstunden des 19. September 2026 im Alter von 83 Jahren in Mailand nach langer Krankheit gestorben. Der Klub verkuendete den Tod am Samstagfrueh Ortszeit mit dem Titel “E morto Sandro Mazzola, bandiera dell’Inter e della Nazionale”. Mit Mazzola geht der Kapitaen und Kopf jener italienischen Elf, die 1968 im eigenen Land Europameister wurde und 1970 in Mexiko als Vizeweltmeister an der Brasilien-Uebermacht scheiterte.
Der Sohn von Valentino - die Superga-Erbschaft
Sandro Mazzola wuchs im Schatten eines nationalen Denkmals auf. Sein Vater Valentino Mazzola war Kapitaen der Grande Torino, jener Turiner Elf, die zwischen 1943 und 1949 fuenfmal in Folge italienischer Meister wurde und den Kern der Squadra Azzurra der 1940er Jahre stellte. Am 4. Mai 1949 stuerzte das Flugzeug mit der kompletten Torino-Mannschaft an Bord bei einem Rueckflug von Lissabon in dichtem Nebel gegen die Rueckseite der Superga-Basilika bei Turin. Alle 31 Insassen kamen ums Leben, darunter 18 Spieler des FC Torino und Valentino Mazzola. Sandro war zum Zeitpunkt der Katastrophe sechseinhalb Jahre alt. Die Superga-Tragoedie ist bis heute das dunkelste Kapitel im italienischen Vereinsfussball.
Sandro Mazzola trug den Superga-Namen sein Leben lang mit sich. Er waehlte anders als sein juengerer Bruder Ferruccio Mazzola nicht Torino, sondern den Rivalen aus Mailand als Heimat seiner Karriere. Die italienische Presse begleitete jede seiner Stationen mit dem Vater-Vergleich; er selbst sagte in Interviews spaeter, er habe die Nachfrage lange als Last empfunden, bis er 1970 im Halbfinale gegen die Bundesrepublik erwachsen genug gewesen sei, um sie hinter sich zu lassen.
19 Jahre in Schwarz-Blau: die “Grande Inter” unter Helenio Herrera
Mazzolas Vereinskarriere hatte nur einen Klub. Von 1958 bis 1977 trug er das schwarz-blaue Trikot von Inter Mailand, in dem er 418 Serie-A-Spiele bestritt und 116 Tore erzielte. Gesamt: 565 Pflichtspiele, 158 Tore. Er kam 1958 als Fuenfzehnjaehriger in die Jugendabteilung, debuetierte 1961 in der Serie A und wurde unter dem argentinisch-franzoesischen Trainer Helenio Herrera zum Zehner der italienischen Nationalikone jener Jahre.
Die “Grande Inter” schrieb zwischen 1963 und 1966 die europaeische Vereinsgeschichte um. Mazzola gewann vier italienische Meistertitel (1962/63, 1964/65, 1965/66, 1970/71), zwei Europapokale der Landesmeister in Folge (1963/64 und 1964/65) und zwei Weltpokale (1964 und 1965). In der Saison 1964/65 war er mit 17 Toren Torschuetzenkoenig der Serie A und im gleichen Wettbewerb mit 7 Toren Torschuetzenkoenig des Europapokals. Sein Herrera-Inter spielte mit dem “Catenaccio” ein System, das zur globalen taktischen Chiffre der italienischen Fussball-Schule wurde. 1971 kam Mazzola in der Wahl zum Ballon d’Or auf den zweiten Platz hinter Johan Cruyff - so nah kam er der individuellen Weltauszeichnung.
70 Laenderspiele fuer die Azzurri und der Europameistertitel 1968
Fuer die italienische Nationalmannschaft lief Mazzola zwischen 1963 und 1974 in 70 A-Laenderspielen auf und erzielte 22 Tore. Er trug dreimal den Adler auf der Brust bei einer Weltmeisterschaft: 1966 in England, 1970 in Mexiko und 1974 in Deutschland. Dazwischen liegt der Titelgewinn, der italienische Fans bis heute als eine der seltenen Bestaetigungen der eigenen Nationalauswahl fuehren: die Europameisterschaft 1968 im eigenen Land. Mazzola stand in beiden Endspielen (das erste Finale gegen Jugoslawien endete 1:1 und wurde zwei Tage spaeter mit 2:0 wiederholt) im Startaufgebot der Squadra Azzurra.
Die WM-Bilanz ist zerklueftet. 1966 in England blamierte sich Italien in der Vorrunde mit dem beruechtigten 0:1 gegen Nordkorea in Middlesbrough und schied vorzeitig aus - Mazzola war einer der wenigen Italiener, deren Ruf die Blamage ueberstand. 1974 in Deutschland war Italien im Umbruch, Mazzola bereits 31, und die Vorrunde endete mit Niederlagen gegen Polen und die DDR sowie einem 3:1 gegen Haiti - das Aus in der Gruppenphase. Bleibt 1970 in Mexiko, das Turnier seines Lebens.
Mexiko 1970: das Jahrhundertspiel und die “staffetta”
Am 17. Juni 1970 trafen Italien und die Bundesrepublik im Halbfinale der WM 1970 im Estadio Azteca in Mexiko-Stadt aufeinander. Roberto Boninsegna brachte Italien in der 8. Minute in Fuehrung. Karl-Heinz Schnellinger glich in der 90. Minute aus. In der Verlaengerung fielen fuenf weitere Tore. Endstand 4:3 fuer Italien nach Verlaengerung. Die Partie ging als “Partita del Secolo” - Spiel des Jahrhunderts - in die italienische Fussballgeschichte ein und wird in Deutschland als “Jahrhundertspiel” erinnert; eine Gedenktafel am Aztekenstadion erinnert an das Duell. Mazzola stand in der Startelf und blieb in der Verlaengerung auf dem Platz, waehrend Gianni Rivera in der 46. Minute reinkam und in der 111. Minute das entscheidende 4:3 erzielte.
Vier Tage spaeter, am 21. Juni 1970, folgte das Endspiel gegen Brasilien in derselben Arena. Mazzola begann erneut. Nach der Halbzeit fuehrte Italien 1:1 durch Boninsegna. Brasilien zog davon: 2:1 durch Pele in der 65. Minute, 3:1 durch Kapitaen Carlos Alberto - Mazzola blieb bis zum Schluss auf dem Feld, waehrend Trainer Ferruccio Valcareggi entgegen seines eigenen “staffetta”-Systems den Rivalen Rivera erst in der 84. Minute beim Stand von 1:3 fuer Boninsegna einwechselte. Endstand 4:1 fuer Brasilien. Die Seleçao holte damit als erste Nation den dritten WM-Titel und durfte den Jules-Rimet-Pokal endgueltig behalten. Italien wurde Vizeweltmeister - das beste italienische WM-Ergebnis zwischen dem Titel 1938 und dem Titel 1982.
Die Kontroverse um Riveras spaete Einwechslung praegte die italienische Fussball-Erzaehlung ueber Jahrzehnte. Die “staffetta” - Valcareggis Rotations-Antwort auf die Frage, welchen der beiden Weltklasse-Zehner er aufstelle - wurde zum Ausloeser einer landesweiten Debatte, die bis heute in italienischen Talkshows aufflammt: haette Rivera von der ersten Minute an gespielt oder haette er zur Halbzeit begonnen, waere das Finale anders gelaufen? Fuer Mazzola blieb die Fussnote, dass er das komplette Endspiel ausspielen durfte - aber Vizeweltmeister blieb.
Rivera-Rivalitaet und die kulturelle Doppelspitze der 1960er
Mazzola und Gianni Rivera waren nicht nur zwei Zehner mit unterschiedlichen Klub-Farben (Inter schwarz-blau, AC Milan rot-schwarz). Sie waren die Verkoerperung der italienischen Fussball-Zweisamkeit der 1960er: Mazzola der laufstarke, verbindende Spielmacher, Rivera der langsamere, aber technisch feiner ausgestattete Regisseur. Die italienische Presse teilte das Land in Mazzoliani und Riveriani ein; die “staffetta” bei der WM 1970 war der institutionalisierte Versuch, die Debatte zu befrieden, und wurde letztlich zu ihrem Nachbrenner.
Nach 1977: Sportfunktionaer, TV-Kommentator, elder statesman
Nach dem Karriereende 1977 blieb Mazzola dem italienischen Fussball verbunden. Er arbeitete als Sportdirektor bei Genoa (1978-79), war spaeter in aehnlichen Funktionen bei Inter, Torino und Napoli aktiv und wechselte in den 1990ern in das TV-Geschaeft, wo er als Experte und Kommentator fuer diverse italienische Sender in Erscheinung trat. Er wurde einer der elder statesmen des italienischen Fussballs, dessen Meinung in Champions-League-Naechten oder waehrend WM-Turnieren nachgefragt wurde. Die Superga-Erbschaft hatte er zu diesem Zeitpunkt laengst gewendet: nicht mehr der Sohn seines Vaters, sondern eine eigene, in Blau-Schwarz gerahmte Ikone.
Nach Brito und Rattin: das dritte grosse WM-Nachruf-Signal des Jahres 2026
Mazzolas Tod ist in einer Reihe von grossen Nachrufen zu lesen, die dieses Kalenderjahr ueber den globalen Fussball hinweg gezeichnet hat. Am 11. Juni 2026 starb Hercules Brito Ruas, Brasiliens Innenverteidiger im 1970er-Finale, mit 86 Jahren - der Mann, gegen den Mazzola in Mexiko-Stadt verlor. Am 11. Juli 2026 starb Antonio Rattin, Argentiniens WM-Kapitaen von 1966, dessen Feldverweis in Wembley zur Erfindung der Roten Karte fuehrte. Auch Kevin Keegan, Mazzolas Zeitgenosse bei der Ballon-d’Or-Wahl der 1970er, ist in diesem Jahr verstorben.
Damit sind drei zentrale Zeugen der WM-Geschichte zwischen 1966 und 1974 innerhalb eines Kalenderjahres von der Buehne getreten. Der Kreis der WM-1970-Finalisten - Italiener und Brasilianer - schliesst sich damit weiter. Aus der italienischen Vizeweltmeister-Elf leben noch Rivera (geb. 1943), Roberto Boninsegna (geb. 1943), Sergio Riva (geb. 1943) und andere, waehrend die Brasilien-Weltmeister-Elf um Pele (verstorben 2022), Mario Zagallo (verstorben 2024) und jetzt Brito bereits deutlich duenner geworden ist.
Ausblick: Serie A, Nationalmannschaft und ein Nachruf-Wochenende
Die Serie A wird an diesem Wochenende Trauerflor tragen und eine Schweigeminute abhalten. Der italienische Verband FIGC und Bundestrainer Roberto Mancini haben am Vormittag reagiert. Fuer Inter Mailand ist der Tod von “il Baffo” - dem Schnurrbart, wie Mazzola in Mailand liebevoll genannt wurde - ein zweiter grosser Verlust binnen weniger Jahre nach dem Tod von Herrera-Mitspielern und -Kollegen. Die WM 2026 findet ohne Italien statt: die Squadra Azzurra scheiterte in den europaeischen Play-offs im Maerz 2026 gegen Bosnien und Herzegowina, ihr drittes Vorrunden-Aus in Folge in den WM-Playoffs. Mazzolas Tod trifft den italienischen Fussball damit in einer Phase, in der die WM-Perspektive frueher als gewohnt auf 2030 verschoben ist.
Was bleibt, ist die Zahl. 70 Laenderspiele, 22 Tore, ein Europameistertitel, eine WM-Endspielteilnahme, zwei Landesmeister-Pokale, vier Scudetti, ein Torschuetzenkoenigs-Titel, ein zweiter Platz bei der Wahl zum Ballon d’Or. Und das lebenslange schwarz-blaue Trikot. In Mailand haengen ab Samstag Fahnen auf Halbmast am Sitz von Inter an der Viale della Liberazione. Auf dem Cimitero Maggiore, wo bereits der Torino-Superga-Erinnerungsort steht, wird der Sohn von Valentino Mazzola in den kommenden Tagen bestattet - anderthalb Kilometer entfernt von der Basilika, an der sein Vater vor 77 Jahren umkam.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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