Gündogan adelt den DFB vor der WM 2026: 'Diese Mannschaft kann überraschen'
Ex-Kapitän Ilkay Gündogan adelt die Nagelsmann-Elf vier Tage vor dem WM-Auftakt im kicker-Interview - mit Blick auf Sané und Neuer. Was sein Urteil wert ist.
Von Lukas Brandt 07. Juni 2026
Vier Tage vor dem WM-Auftakt der DFB-Auswahl gegen Curaçao meldet sich eine prominente Stimme von aussen: Ilkay Gündogan. Der frühere Kapitän, seit August 2024 nicht mehr Nationalspieler, hat dem kicker am Sonntagabend ein Interview gegeben, das die Sportschau im WM-Liveblog und mehrere Agenturen am Abend aufgegriffen haben. Die Überschrift bringt seine Bilanz auf einen Satz: “Diese Mannschaft kann überraschen”. Es ist der erste Aussenblick eines früheren Spielführers auf das Turnier - und er fällt deutlich positiver aus als die Stimmung der vergangenen Wochen vermuten liesse.
Was Gündogan im kicker-Interview sagt
Das Interview erschien am 7. Juni 2026 in der kicker-Plus-Rubrik und trägt die Zeile “Ex-Kapitän über Neuer, Sané und die deutschen WM-Chancen”. Gündogan ordnet darin laut der frei zugänglichen Anrisszeile die Stärken von Bundestrainer Julian Nagelsmann ein, blickt auf die Vorbereitung der DFB-Elf in Herzogenaurach und Chicago und spricht über zwei Spieler, die er aus eigenen Jahren im DFB-Trikot besonders gut kennt: Manuel Neuer und Leroy Sané.
Die zentrale Botschaft ist die optimistische Einordnung. Gündogan, der die Heim-EM 2024 als Spielführer bestritten und kurz darauf seinen Rücktritt erklärt hat, glaubt an eine WM-Überraschung dieser Mannschaft. Ein Detail-Quote-Mining ist hier unangebracht - der Kern-Text ist Bezahlinhalt, die Schlagzeile spricht aber für sich.
Warum die Aussensicht des Ex-Kapitäns Gewicht hat
Gündogan hat 82 Länderspiele bestritten, eine Weltmeisterschaft (2018) und mehrere EM-Endrunden erlebt und bei der EM 2024 die Binde getragen. Anders als die Innensicht aus dem Lager Winston-Salem, in der Trainer und Spieler verständlicherweise die eigene Form schönreden, ist seine Stimme die eines Aussenstehenden, der weiss, wie sich eine deutsche Turniervorbereitung von innen anfühlt - und der heute aus Istanbul mit nüchternem Abstand zuschaut.
Sein Lob ist deshalb mehr als das gewohnte “wird schon werden” eines Ex-Profis im Pflicht-TV-Talk. Gündogan war es, der bei der EM 2024 nach dem Halbfinal-Aus gegen Spanien das öffentliche Maximalziel “Turnier gewinnen” als Kapitän ausgegeben hatte. Wer ein solches Eingeständnis kennt, wird auch eine zurückhaltende Formulierung wie “kann überraschen” einordnen können: Es ist kein Titelversprechen, sondern die Aussage, dass diese Mannschaft mehr abrufen kann, als der Aussenstand erwarten lässt.
Sané und Neuer - zwei Spieler, die Gündogan besonders gut kennt
Dass Gündogan im kicker-Interview ausgerechnet Sané und Neuer in den Mittelpunkt rückt, ist kein Zufall. Mit Leroy Sané spielte Gündogan zwischen 2018 und 2020 bei Manchester City zusammen - in den Pep-Guardiola-Jahren, in denen Sané seine ersten beiden Premier-League-Titel gewann, bevor er 2020 zum FC Bayern wechselte. Beide haben dort gemeinsam erlebt, wie ein Flügelspieler nach Phasen der Kritik in die Mannschaft zurückgefunden hat. Genau diese Frage stellt sich jetzt erneut: Sané hat in der Generalprobe gegen die USA das 2:1 erzielt und gilt nach dem WM-Aus von Lennart Karl als gesetzt auf der rechten Aussenbahn.
Manuel Neuer wiederum war über fast die gesamten Gündogan-Jahre im DFB-Tor Kapitän und Konstante. Dass Gündogan sich gerade vier Tage vor dem Auftakt äussert, in dem der Belastungsaufbau Neuers nach Wadenproblemen der zentrale Personalfaktor war, ist mehr als zufällige Themen-Wahl - die beiden haben über ein Jahrzehnt im selben Mannschaftshotel gewohnt.
Vier Tage vor Houston - der Stand der Nagelsmann-Elf
Gündogans Optimismus trifft auf eine konkrete Lage. Die DFB-Auswahl hat die Generalprobe gegen die USA in Chicago mit 2:1 gewonnen, Havertz traf nach 101 Sekunden, Sané in der 57. Minute, dazwischen liess sich die Abwehr im Standardspiel zum Ausgleich überlisten. Nagelsmann sprach am Samstagabend von einem “guten Eindruck”, Kimmich räumte ein, “noch nicht alles” laufe rund.
Am Sonntag hatte das Team in Chicago einen freien Tag, am Montag zieht der Tross ins WM-Quartier nach Winston-Salem, North Carolina. Lennart Karl, dem grossen Hoffnungsträger auf dem rechten Flügel, hat ein Muskelbündelriss die WM-Teilnahme genommen. Stattdessen kommt Assan Ouedraogo aus Leipzig dazu. Manuel Neuer wird bis zum Curaçao-Spiel gezielt aufgebaut, Alexander Nübel hat in Chicago vertreten. Joshua Kimmichs Frage rechte Bahn oder Sechser ist die eine offene Detail-Frage, die bis Houston bleiben wird.
In diese Gemengelage hinein passt Gündogans Einordnung: kein euphorisches Titel-Versprechen, sondern der Hinweis darauf, dass eine Mannschaft, die gegen die USA mit Wirtz, Musiala, Havertz und Sané vorne agiert und Pavlovic/Nmecha im Zentrum hat, mehr Stürmerqualität auf dem Platz hat als die jüngsten Turniervorbereitungen.
Was “überraschen” für diese WM eigentlich bedeutet
Die Prognose-Modelle sehen Deutschland bei der WM 2026 nicht unter den drei Favoriten. Spanien, Frankreich und Argentinien stehen bei den meisten Wett-Märkten und Datenanbietern - auch in unserem WM-Rechner - vor dem DFB-Team. Bedeutet “überraschen” also schon das Halbfinale, das Finale, oder erst den Titel?
In der Logik eines Ex-Kapitäns, der die Mannschaft bei der Heim-EM 2024 ins Viertelfinale geführt hat, dürfte alles ab dem Halbfinale als Überraschung gelten. Ein Auftakt in Gruppe E gegen Curaçao am 14. Juni in Houston, dann die Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto und Ecuador am 25. Juni in New York/New Jersey - wer in dieser Konstellation Gruppensieger wird, hat einen vergleichsweise machbaren Sechzehntelfinal-Weg. Erst im Achtelfinale wird es nach aktueller Bracket-Lage ernst.
Gündogans Satz ist damit auch eine Mahnung an die deutsche Öffentlichkeit, die das DFB-Team in den vergangenen Wochen vor allem mit Karl-Aus, Trump-Politik-Fragen und Hoeness-Kritik an Nagelsmann konfrontiert hatte. Ein früherer Kapitän, der heute in Istanbul spielt, sieht von aussen offenbar mehr Substanz, als die Schlagzeilenlage zuhause hergibt. Vier Tage vor dem Anpfiff in Houston ist das eine bemerkenswerte Aussage - und ein interessanter Stimmungswechsel kurz vor dem ersten Anstoss.
Quellen: kicker.de (Interview vom 7.6.2026), sportschau.de (WM-Liveblog DFB-Team 7.6.2026), dfb.de (Rücktritts-Mitteilung August 2024, Datencenter Spielerprofil), Hub /wm-2026/teams/deutschland/ (Kader, Spielplan, Gruppe E).
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.