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WM 2026

Modric: 'Zum ersten Mal Scham' - Kroatiens Pressestimmen zum 0:7 in Rijeka

Modric spricht nach Kroatiens 0:7 gegen England erstmals von 'Scham'. Bilic erklaert Halbzeitansprache; Pressestimmen vergleichen Team mit San Marino.

Von Marco Feldmann 04. Oktober 2026

26. September 2026 in Prag: Luka Modric als kroatischer Kapitaen beim Nations-League-A3-Auswaertsspiel gegen Tschechien (2:1 fuer Kroatien). Zehn Tage spaeter beschreibt der 40-Jaehrige nach dem 0:7 in Rijeka ein Gefuehl, das er in 203 Laenderspielen eigenen Angaben zufolge noch nie empfunden hat: Scham (Foto: Slavek Ruta/ZUMA Press Wire). Foto: Slavek Ruta/Zuma Press via SmartFrame

Das 0:7 im Stadion Rujevica war am Samstagabend die hoechste Niederlage in der Geschichte des kroatischen Fussballverbandes. Am Sonntagmorgen hat die Nachricht einen eigenen zweiten Boden bekommen: Kapitaen Luka Modric hat nach seinem 204. Laenderspiel oeffentlich von einem Gefuehl gesprochen, das er in seiner gesamten Karriere nach eigenen Angaben noch nie empfunden hat - Scham. Trainer Slaven Bilic lieferte Einblicke in seine Halbzeitansprache, die kroatische Presse fand am Morgen das harte Bild einer Mannschaft, die “zu San Marino geworden” sei.

Fuer unseren eigenen Spielbericht zum 0:7 in Rijeka war der Schlusspfiff vom Samstag die primaere Rahmung: Kane-Doppelpack, Saka-Doppelpack, Verbands-Rekord, Kinderkulisse. Die drei Stimmen, die am Abend und Morgen danach dazukamen, verdienen einen eigenen zweiten Blick - weil sie die naechsten Wochen fuer Bilic und Modric definieren werden.

Modric: “Zum ersten Mal Scham” - der Kapitaen nach 203 Laenderspielen

Luka Modric hat in 203 Laenderspielen vor Rijeka eine ganze Reihe schwerer Abende hinter sich gebracht. Das verlorene WM-Finale 2018 gegen Frankreich (2:4) ging ihm nahe, trotzdem erhielt er damals noch den Goldenen Ball als bester Spieler des Turniers. Beim WM-Dritter-Match 2022 gegen Marokko (2:1) blieb Modric Bestandteil der Lehre, dass man auch nach einer schmerzhaften Niederlage noch einen Pokal in die Hoehe stemmen kann. Bei der WM 2026 war das Sechzehntelfinal-Aus gegen Portugal die Chapter-Zaesur, die den Ruecktritt von Zlatko Dalic besiegelt hat.

Keiner dieser Abende, so der 40-Jaehrige vom AC Mailand nach dem 0:7 in Rijeka, habe das Gefuehl ausgeloest, das er am Samstagabend empfunden habe. “Zum ersten Mal Scham” - die Formulierung ist in einer kroatischen Karriere, die 2006 begann, so ungewohnlich praezise, dass sie am Sonntag in jedem Pressespiegel steht. Modric beschrieb den Spielverlauf mit dem Bild “wie mit fuenf Mann weniger”: Ein Satz, der weniger die Tore erklaert als die Hilflosigkeit des Mittelfeld-Zentrums gegen Englands Jude Bellingham, Morgan Rogers und Phil Foden-Erbe.

Dass die Formulierung so hart ausfaellt, ist auch Rolle: Modric ist der mediale Anker einer Mannschaft, die sich in der Transition zwischen seiner und der neuen Generation (Baturina, Pasalic, Vuskovic) befindet. Wenn der Kapitaen den Begriff “Scham” waehlt, hat die Kabine kein Wort mehr, mit dem man das Ergebnis relativieren koennte.

Bilic: “Wie mit fuenf Mann weniger” - die nuechterne Halbzeitansprache

Slaven Bilic ist seit dem 13. Juli 2026 im Amt und hat seine Kader-Entscheidungen im September erstmals selbst getroffen. Nach dem 1:2-Auftaktsieg in Prag am 26. September und der 1:4-Niederlage in Sevilla am 29. September kam der Rijeka-Abend als 15. Spiel seiner zweiten Amtszeit - und als der mit Abstand schwerste.

Bemerkenswert war die Tonlage, die Bilic auf der Pressekonferenz anschlug: Statt der von West-Ham-Zeiten vertrauten Lautstaerke berichtete der Trainer von einer eher nuechternen Halbzeitansprache. Er habe nicht geschrien, sondern versucht, die Mannschaft wieder in Spielform zu bringen, so Bilic sinngemaess. Nach einer 0:5-Pausenfuehrung habe sich der Verlauf fuer ihn so angefuehlt, “als wuerden wir mit fuenf Mann weniger spielen” - das gleiche Bild wie bei seinem Kapitaen. Dass beide Zitate uebereinstimmen, deutet darauf hin, dass die Kabine die Hilflosigkeit nicht nur erlebt, sondern bereits in eine gemeinsame Sprache gefasst hat.

Fuer Bilic bedeutet das: Das Projekt der Modric-Nachfolge-Vorbereitung ist nicht gescheitert, aber die Lernkurve ist steil. Elf Treffer in zwei A4-Spielen gegen Spanien und England kassiert, zwei Nations-League-Punkt-Pleiten in Folge, dazu ein Pfiff-Teppich, der nur deshalb ausblieb, weil Rujevica mit Kindern besetzt war - das sind die harten Zahlen, die Bilic am Montag im Verband erklaeren muss.

Pressestimmen in Kroatien: “Wir sind wie San Marino”

Die kroatische Presse hat am Sonntagmorgen die beiden Zitate aufgenommen und mit scharfen Analysen gerahmt. Die traditionsreiche Zagreber Tageszeitung “Jutarnji List” sprach von einer “unnatuerlichen, inakzeptablen Katastrophe” und formulierte das Bild, das inzwischen die vielzitierte Schlagzeile ist: “Nicht, dass wir nicht zur Elite gehoeren wuerden, wir sind zu San Marino geworden.” Das Online-Portal “Index.hr” nahm die Formulierung des Kapitaens auf und erweiterte sie: Kroatien habe ein “historisches Debakel” erlebt und gewirkt, “als spiele das Team zum ersten Mal zusammen”.

In England dominiert ein ganz anderer Ton: Dort wird Thomas Tuchel nach dem Wembley-Debakel gegen Spanien eine Woche zuvor nun endgueltig als Nationaltrainer akzeptiert, der auch gegen einen WM-Gegner liefern kann. Die englische Presse hob besonders Harry Kane als Doppeltorschuetzen hervor, dessen Treffer in der 8. und 53. Minute das Spiel strukturierten, sowie Bukayo Saka als zweiten Doppelpacker in der 45. und 68. Minute.

Interessant fuer die kroatische Innensicht: Keine der zitierten Zeitungen forderte sofort Bilics Entlassung. Der Trainer-Wechsel vom 13. Juli ist zu frisch, die Modric-Nachfolge-Agenda zu klar - aber eine zweite Pleite dieser Groessenordnung duerfte die Debatte neu oeffnen.

Was folgt: Belgien im November, dann WM-Pflicht

Fuer die Nations-League-Gruppe A4 bedeutet das 0:7, dass Kroatien nach zwei Spielen bei einem Torverhaeltnis von 1:11 und null Punkten das Tabellenende belegt. Mit England und Spanien stehen die beiden starken A4-Konkurrenten weiter oben, Tschechien ist nach dem Hopp-oder-Topp-Oviedo-Spiel ebenfalls punktlos. Der November wird fuer Bilic die Richtungswahl: Am 12. November reist Kroatien zum Rueckspiel nach Prag, am 15. November folgt das Heimspiel gegen England in Zagreb.

Die erste Rijeka-WM-Begegnung im WM-Gruppenspiel 108 Tage zuvor war 2:4 ausgegangen - ein knapper Verlust mit zwei Modric-Lupfer-Assists und einem Kompliment der englischen Presse an die kroatische Taktik. Zwischen den beiden Niederlagen gegen England liegt die Trainerwechsel-Zaesur und die neue Modric-Nachfolge-Agenda. Dass Modric selbst, nach seiner Vertragsverlaengerung in Mailand bis 2027, fuer die beiden November-Partien noch einmal auflaeuft, ist nicht offiziell bestaetigt - aber Bilic hat die Rolle des 40-Jaehrigen bei seinem Amtsantritt an die Leistung geknuepft.

Nach dem 0:7 in Rijeka und seinem eigenen Scham-Zitat wird Modric wissen, dass die naechste Antwort das November-Rueckspiel in Zagreb liefern muss. Alles andere waere die Bestaetigung einer Diagnose, die er mit zwei duerren Worten selbst gestellt hat.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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