Buenos Aires im WM-Fieber: Nicole Nau ueber 'die Hoelle' vor Argentiniens Endspiel
T-27h vor dem WM-Finale Argentinien gegen Spanien schildert die Duesseldorfer Tango-Ikone Nicole Nau aus Buenos Aires die 'Hoelle' auf den Strassen.
Von Marco Feldmann 18. Juli 2026
Wenn in Buenos Aires am Sonntagnachmittag um 16:00 Uhr Ortszeit die Fernseher auf ORT und Telefe umschalten, dann sitzt eine gebuertige Duesseldorferin mitten drin: Nicole Nau, 63 Jahre alt, seit 1989 in Argentiniens Hauptstadt zuhause, eine der bekanntesten Tango-Kuenstlerinnen des Landes und Buehnenpartnerin ihres Ehemannes Luis Pereyra. Am Sonnabendnachmittag beschrieb Nau im WM-Liveblog der ARD-Sportschau den Ausnahmezustand ihrer Wahlheimat gegenueber Sven Pistor mit einem einzigen Satz: “In Argentinien ist die Hoelle los.” Und dann kommt der beruehmte Nau-Nachsatz, der zeigt, dass man 37 Jahre am Rio de la Plata nicht ohne Folgen bleibt: “Die Kinder spielen an jeder Ecke Fussball. Die Leute schlafen nicht mehr, beim Ballettunterricht tragen die Maedchen Argentinientrikots."
"In Argentinien ist die Hoelle los”: die Home-Front-Perspektive T-27h vor MetLife
Rund 27 Stunden vor dem Anpfiff im MetLife Stadium taumelt die argentinische Hauptstadt zwischen Vorfreude und Schlaflosigkeit. Nau schildert eine Stadt, in der die Trikotfarben himmelblau-weiss auf jeder Fassade haengen, in der Nachbarn ihre Grillplaetze fuer das Public Viewing rund um den Obelisken auf der Avenida 9 de Julio herausrueckten und in der die Kinder nach der Schule mit einem Ball unter dem Arm losziehen, weil die Schule ohnehin drei Tage lang geschlossen bleibt.
Der Ausnahmezustand ist nicht neu. Bereits am Dienstagabend nach dem 2:1-Halbfinalsieg gegen England in Atlanta (mit den Toren von Lautaro Martinez und Enzo Fernandez, beide auf Vorlagen von Lionel Messi) versammelten sich Tausende an dem 67 Meter hohen Beton-Obelisken, der seit 1936 fuer Buenos Aires steht, was der Kolner Dom fuer Koln ist. In der Halbfinalnacht wurden Feuerwerkskoerper gezuendet, Choere angestimmt, Trommler organisiert - fast wie 2022 nach dem Finalsieg gegen Frankreich in Lusail, nur diesmal ohne die Gewissheit, dass am Ende der Titel steht.
Denn Spanien, das im Halbfinale Frankreich mit 2:0 (Toren von Mikel Oyarzabal und Pedro Porro nach Assist von Dani Olmo) aus dem Turnier warf, wartet nicht auf die Argentinier. Es setzt sie unter Druck.
Von Duesseldorf nach Buenos Aires: die deutsche Bruecke ins argentinische Tango-Universum
Nicole Nau ist die aussergewoehnlichste Absenderin dieses Stimmungsbildes, das ARD-Reporter Sven Pistor am Sonnabendnachmittag um 15:04 Uhr MESZ in den Liveblog einspielte. Nau kam 1989 mit 26 Jahren nach Argentinien, nach einer Ausbildung im Grafik-Design an ihrem Duesseldorfer Geburtsort. Ein Jahr spaeter, 1990, hatte sie ihren ersten Auftritt im Cafe Homero. Im Teatro Colon, dem beruehmtesten Opernhaus Suedamerikas, tanzte sie als Zweitbesetzung in der Oper “Maraton”. Alles auf Argentiniens groesster Kulturbuehne.
2002 traf sie in der Tango-Oper “Orestes - Last Tango” auf Luis Pereyra, den kongenialen argentinischen Tanzpartner, der zwei Jahre spaeter auch ihr Ehemann wurde. Gemeinsam produzierten sie unter anderem “El Sonido de mi Tierra” und “Vida! Argentino” und tourten von Buenos Aires ueber Amsterdam bis Tokio.
Argentinien wusste, was es an ihr hatte: 2000 und 2001 erschien Nau auf argentinischen Briefmarken, 2012 wurde ihre Kompanie “Tango Puro Argentino y mas!” per Staatsdekret zum “Kulturellen Interesse” erklaert, 2014 kam die Aufnahme in den weltweiten Tanzrat CID (Conseil International de la Danse), 2016 eine Auszeichnung des argentinischen Aussenministeriums fuer ihren kulturellen Beitrag. Auf europaeischen Buehnen (Folies Bergere Paris, Admiralspalast Berlin, Musical Dome Koln) waren Nau und Pereyra ohnehin dauerhafte Gaeste.
Tango und Fussball: die gemeinsame Beinarbeit
Aus dieser Bio-Konstellation heraus faellt Nau eine Beobachtung leicht, die deutschen Zuschauern selten so klar formuliert wird: Tango und Fussball teilen dieselbe Beinarbeit. Die kurze Drehung, das ploetzliche Antippen, die enge Fussstellung - was Messi im Strafraum mit vier Kontakten auf einem halben Quadratmeter macht, ist choreografisch nichts anderes als der Ocho im Tango, die achtfoermige Fussfigur.
Diego Maradona hatte diese Verbindung noch expliziter gelebt. Er sang, er komponierte, er tanzte oeffentlich mit Diego Torres und den Rolling Stones. Nau darauf angesprochen: “Ich weiss nicht, ob Messi so ein guter Musiker ist wie Maradona.” Aber das ist ohnehin die falsche Frage. Messi ist Messi. Und Buenos Aires ist Buenos Aires. Beide muessen einander nicht verkleiden.
3:1 fuer Argentinien: die Tango-Prognose zum MetLife-Finale
Auf die Prognose-Frage antwortet Nau ohne Umschweife: “3:1 - natuerlich fuer Argentinien.” Es ist die kulturell einzig zulaessige Antwort einer 37-jaehrigen Wahl-Portena. Sie liegt damit optimistischer als die Buchmacher, die Spanien knapp vorn sehen, und optimistischer als die aktuelle Prognose-Modellierung, die das Duell knapper einschaetzt.
In Argentinien selbst ist das Zutrauen zu Messi und seiner Mannschaft ohnehin nicht diskutabel. Selbst Praesident Javier Milei, der aus aberglaeubischen Gruenden nicht zum Endspiel ins MetLife Stadium reisen wird und die Partie stattdessen aus seiner Amtsresidenz Quinta de Olivos verfolgt - aus Cabalas, wie sein Sprecher-Team gegenueber der Presse formulierte - macht keinen Hehl daraus, wo er das Trikot sehen will.
Was Argentinien am Sonntag erwartet
Argentinien ist Titelverteidiger, Copa-America-Sieger 2021 und 2024 und der einzige aktuelle Weltmeister, der zwei WM-Endspiele in Folge erreicht. Der Kader ist bis auf Marcos Acuna (Wade) einsatzfaehig, im Tor wird Emiliano Martinez trotz seines am 20. Mai in Istanbul gebrochenen und seitdem nur konservativ behandelten rechten Ringfingers stehen. Vorne fuehrt Lionel Messi seine wohl letzte WM als Kapitaen an - flankiert von den Doppelspitzen Julian Alvarez und Lautaro Martinez, dem in der Nummer-10-Rolle aufbluehenden Enzo Fernandez und den Aussenverteidigern Nahuel Molina und Nicolas Tagliafico.
Trainer Lionel Scaloni hat die argentinische Mannschaft seit seiner Uebernahme 2018 zu vier Titeln in fuenf Jahren gefuehrt (Copa 2021, Finalissima 2022, WM 2022, Copa 2024). Er wird am Sonntag um 21:00 Uhr MESZ im MetLife Stadium in East Rutherford versuchen, den fuenften Titel folgen zu lassen. Der argentinische Comeback-Bogen dieses Turniers - Rueckstand in vier von sechs K.-o.-Spielen, gewonnene Serie in allen vier - spricht dafuer, dass Scalonis Mannschaft mental unabhaengig davon spielt, wer das Endspiel wie eroeffnet.
Auf dem Papier hat Spanien mit Lamine Yamal, Nico Williams, Dani Olmo, Rodri, Pedri und Aymeric Laporte einen Kader, der die goldene Generation um Xavi, Iniesta und Silva von 2010 an Aussenwirkung erreicht. Aber Argentinien besitzt Messi und die Erfahrung von 2022 in Lusail. In Buenos Aires ist die Rechnung damit eindeutig.
Und Nicole Nau wird es am Sonntagabend gegen 18:45 Uhr Ortszeit sehen - entweder das Fest, das sie prophezeit, oder die stille Version davon, wenn Yamal am Ende doch einmal den vollen Bogen spannt. Wetten wuerde sie, so klingt es zwischen den Zeilen ihres Sportschau-Auftritts, aber nur mit Tango-Ehre auf 3:1.
Und um 18:45 Uhr Ortszeit wuerde sie dann tanzen. In himmelblau-weiss. Selbstverstaendlich mit Ocho.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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