Der Ringfinger des Dibu: Martinez vor dem WM-Finale 2026
Emiliano Martinez geht mit gebrochenem Ringfinger und Schmerzmittel-Alltag in sein letztes WM-Finale. Portrait des Katar-Helden vor Argentinien-Spanien im MetLife.
Von Marco Feldmann 18. Juli 2026
Am Sonntagabend um 21:00 Uhr MESZ im MetLife Stadium laeuft Emiliano Martinez in sein zweites WM-Finale ein - und zum ersten Mal mit einer akuten Verletzung an der wichtigsten Hand seines Berufs. Der argentinische Torhueter hat am Samstagvormittag auf der WM-Finale-Pressekonferenz in Manhattan bestaetigt, was der Kicker in der Nacht enthuellt hatte: Sein rechter Ringfinger, gebrochen am 20. Mai vor dem Europa-League-Finale in Istanbul, schmerzt bis heute. “Meine Hand tut immer noch jeden Tag weh”, sagte der 33-Jaehrige. Es ist der zentrale Satz vor dem Endspiel gegen Spanien.
Das Ringfinger-Dossier: 20. Mai, Istanbul, Aufwaermen
Der medizinische Kern des Falles ist praezise. Am 20. Mai 2026, in der Aufwaermphase vor dem Europa-League-Finale seines Vereins Aston Villa in Istanbul, brach sich Martinez den Ringfinger der rechten Hand - ein Bruch, der bei einem Feldspieler in einer Woche verschwunden waere, aber bei einem Torwart die zentrale Fangflaeche betrifft. Die Klub- und Verbandsaerzte empfahlen eine Operation. Martinez schob sie auf, weil sie ihn fuer die WM ausgesetzt haette. Sechs Wochen spaeter, in der argentinischen Vorbereitung in Newark, wurde er von Scaloni und Torwarttrainer Martin Tocalli mit Bandage, Fingerlings-Schiene und Schmerzmittel-Fenster durch die ersten WM-Wochen gefuehrt.
Der Kicker hat in seiner Analyse am Freitag die Parallele zu Jens Lehmann und dessen WM-Nacht 2006 im Berliner Halbfinale gegen Portugal aufgemacht. Lehmann hatte sich in der Wochen-Vorbereitung eine Handverletzung zugezogen, war mit Schmerzmittel in der Startelf, hat funktioniert. Die Parallele traegt insofern, als beide Faelle ohne mediale Vorwarnung ins Turnier gehen und der jeweilige Torwart die Verletzung erst ex post erklaert. Sie hinkt insofern, als Lehmann die letzten drei Turnier-Spiele gehalten hat, Martinez hingegen die kompletten sechs WM-2026-Spiele mit dem Bruch bestritt - und erst seit dem WM-Achtelfinale gegen Aegypten wieder normal trainieren kann.
Der Kolo-Muani-Moment: die Legende, die immer bleibt
Warum die Ringfinger-Frage in Argentinien mit einer solchen Ruhe behandelt wird, hat einen einzigen Namen: Kolo Muani. In der 120+3. Minute des Endspiels von Lusail 2022 kam der eingewechselte Franzose beim Stand von 3:3 im 1-gegen-1 auf den argentinischen Torwart zu und schob den Ball rechts an ihm vorbei - ausser dass Martinez den rechten Fuss reflexartig in die Torlinie streckte und den Schuss abwehrte. Es war die letzte franzoesische Chance vor dem Abpfiff. Es war der Rettungswurf, der die 36-jaehrige argentinische Titel-Trockenzeit oeffnete.
Im Elfmeterschiessen parierte er den Schuss von Kingsley Coman, sah Aurelien Tchouameni am Pfosten vorbeischiessen und hielt Argentinien mit 4:2 im Endergebnis das Trophaee. Yashin-Award als bester Turnier-Torwart, FIFA-Best-Goalkeeper 2022, und ein anschliessender argentinischer Rekord von 753 Minuten ohne Gegentor in der Nationalmannschaft - das ist die Bilanz-Zeile, die den Kader-Rueckgriff auf einen 33-jaehrigen Torwart mit gebrochenem Finger unspektakulaer macht.
Vom Arsenal-Reservisten zum Dibu
Die Karriere des in Mar del Plata geborenen Torwarts ist eine argentinische Zaehigkeits-Geschichte. Mit 17 Jahren ging er nach London zu Arsenal, wo er zehn Jahre lang Reservist blieb. Die Leih-Statistik liest sich wie eine englische zweite Liga: Oxford United, Sheffield Wednesday, Rotherham, Wolverhampton, Getafe, Reading. Erst 2020 kam der Wechsel zu Aston Villa fuer 21,5 Millionen Euro. Dort wurde er Stammtorhueter, dort holte er in der abgelaufenen Saison 2025/26 den ersten europaeischen Titel des Klubs seit dem Landesmeisterpokal 1982: die UEFA Europa League. Dass er die Aufwaermphase zum entscheidenden Spiel dieses Triumphes mit einem Fingerbruch beendete, gehoert zur Ironie dieser Karriere-Kurve.
Der Spitzname “Dibu” stammt aus einer argentinischen Zeichentrick-Serie der 1990er - “Mi familia es un dibujo”, auf Deutsch “Meine Familie ist eine Zeichnung”, in der eine Figur “Dibu” heisst. Martinez hat den Namen aus der Kindheit mitgenommen. Er trug ihn im Barrio Nueva Pompeya von Mar del Plata, er trug ihn im Arsenal-Trainingszentrum von London Colney, er traegt ihn heute unter der Nummer 23 im argentinischen Trikot. Nach dem 2022er Titel ist “Dibu” in Argentinien zum Torwart-Synonym geworden, wie es “Chilavert” fuer eine Generation vor ihm war.
Titel-Serie 2021-2026: fuenf Trophaeen in fuenf Jahren
Die Titel-Zaehlung der Aera Martinez-Nummer-23 ist knapp und komplett: Copa America 2021 in Rio (1:0 gegen Brasilien im Maracana). Finalissima 2022 in Wembley (3:0 gegen Europameister Italien). WM 2022 in Lusail (3:3 gegen Frankreich, 4:2 im Elfmeterschiessen). Copa America 2024 in Miami (1:0 nach Verlaengerung gegen Kolumbien). UEFA Europa League 2025/26 mit Aston Villa. Fuenf Titel in fuenf Jahren, dazu zwei Yashin-Trophaeen (2023, 2024) und der 15. Platz in der Ballon-d’Or-Wahl 2023 - eine Position, die ein Torwart seit Manuel Neuer 2014 nicht mehr erreicht hatte.
Der WM-Titel am Sonntagabend wuerde die Serie um einen zweiten WM-Pokal erweitern - eine Trophaeen-Konstellation, die in der Nachkriegs-Torwart-Geschichte nur wenige haben. Cafu (Brasilien 1994, 2002) und Vava (Brasilien 1958, 1962) sind die Vergleichsgroessen aus dem argentinisch-brasilianischen Nachbarland; kein Torwart hat als Stammkraft in zwei aufeinanderfolgenden WM-Turnieren gewonnen, seit Gilmar Brasilien 1958 und 1962 zum Titel hielt.
Der Provokations-Trademark und der Manhattan-Appell
Der zweite Wesenszug des “Dibu” ist die Provokation. Beim Copa-America-Halbfinale 2021 gegen Kolumbien im Elfmeterschiessen kommentierte er jeden anlaufenden Schuetzen mit einem “te lo estoy comiendo, hermano” (“ich werde ihn fressen, Bruder”). Beim Copa-2024-Finale in Miami hielt er waehrend des Elfmeterschiessens einen improvisierten Ratespiel mit Mitchel Bakker auf der Linie. Nach dem WM-Endspiel 2022 wurde die “Baby-Golden-Glove”-Geste am Podium mit einer FIFA-Ermittlung geahndet. Die Provokations-Signatur ist Teil des Katar-Mythos.
Umso bemerkenswerter war die Manhattan-PK vom Samstagmorgen. Auf die Frage nach der Verletzung antwortete Martinez ruhig und ohne die uebliche Ironie: “Geniesst es. Im Profifussball ist es sehr schwer, den Moment zu geniessen.” Der Satz ist an das eigene Team gerichtet, aber die argentinischen Kollegen lasen ihn als etwas anderes: als Nachruf auf ein Kapitel. Mit 33 Jahren, mit einem gebrochenen Finger, mit fuenf grossen Titeln in vier Jahren steht Martinez am Sonntagabend an einem Punkt, an dem selbst der lauteste Provokateur der argentinischen Torwart-Geschichte leise wird.
Was am Sonntag im MetLife auf dem Spiel steht
Es geht um die Titelverteidigung von Katar - eine Aufgabe, die seit Brasilien 1962 keiner Nation mehr gelungen ist. Es geht um den vierten Stern auf dem Trikot, gegen ein spanisches Ensemble, das um die 19-jaehrigen Yamal und Cubarsi eine neue goldene Generation baut. Es geht um einen Regenerations-Nachteil von einem Tag: Spanien spielte das Halbfinale am Dienstag in Dallas, Argentinien am Mittwoch in Atlanta. Und es geht um einen 33-jaehrigen Torwart mit gebrochenem Finger, der die ganze Verlaengerung eines moeglichen Endspiel-Verlaengerungs-Elfmeterschiessens durchhalten muss, wenn Argentinien den Titel verteidigen will.
Der Kapitaen Messi wird am Sonntagabend sein drittes WM-Endspiel spielen. Der spanische Trainer de la Fuente sein erstes. Der argentinische Torwart Martinez sein zweites - und wenn die Copa America 2028 in Peru und die WM 2030 in Marokko-Spanien-Portugal-Uruguay ohne den “Dibu” stattfinden, dann faellt am 21:00 Uhr MESZ nicht nur eine Turnier-Entscheidung, sondern der Vorhang ueber eine der stillsten grossen Torwart-Karrieren, die der argentinische Fussball in den letzten dreissig Jahren gesehen hat.
Der Ringfinger, so hat Martinez auf der PK am Ende gesagt, werde nach dem Sonntag operiert. Die 90 Minuten im MetLife sind unabhaengig davon geplant.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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