Jonathan Tah und die Elfenbeinkueste: ein Vaterland auf der Gegenseite des Spielfelds
Vor dem WM-2026-Gruppenspiel Deutschland gegen Elfenbeinkueste am Samstag in Toronto erinnert Jonathan Tah an die Herkunft seines Vaters und an seine Herzensentscheidung fuer das DFB-Trikot.
Von Lukas Brandt 19. Juni 2026
Es ist der Satz, den er an diesem Freitag ueber den Atlantik schickt: “Das war fuer mich schon als Teenager klar.” Jonathan Tah ist am Donnerstag mit der DFB-Mannschaft von Winston-Salem in North Carolina nach Toronto geflogen, und vor dem zweiten Gruppenspiel der WM 2026 am Samstag um 22:00 Uhr MESZ gegen die Elfenbeinkueste sitzt der 30-jaehrige Innenverteidiger an einem Punkt, an dem deutsche Sportjournalisten in den vergangenen Jahren oft die falschen Fragen stellten. Die richtige Frage lautet nicht, ob Tah sich richtig entschieden hat. Sie lautet, wann er sich entschieden hat - und welche Rolle ein Vater spielt, dessen Heimatland am Samstagabend auf der Gegenseite des BMO Field anlaufen wird.
Die Herzensentscheidung von Hamburg-Eppendorf
Jonathan Tah wurde am 11. Februar 1996 in Hamburg-Eppendorf geboren. Die Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus der Elfenbeinkueste. Die Eltern trennten sich, als Jonathan ein kleines Kind war; aufgewachsen ist er bei der Mutter in Hamburg. Erste Vereins-Stationen: SV Altona 93 und SC Concordia Hamburg ab dem Jahr 2000, mit neun Jahren der Wechsel in die Jugend-Akademie des Hamburger SV. Im August 2013, gerade 17 Jahre alt, gab der hochgewachsene Innenverteidiger sein Bundesliga-Debuet.
Im Januar 2014 - er war 17, Bundesliga-Spieler, mehrfacher U17-Auswahlspieler des DFB - sagte Tah in einem Interview, er habe sich noch nicht zwischen Deutschland und der Elfenbeinkueste entschieden. Zwei Spieltage spaeter folgte dann doch das U19-Trikot des DFB, und kurz darauf das U21-Trikot - jedes Mal mit der Kapitaen-Binde. Die “noch nicht entschieden”-Formel war keine Hinhalte-Taktik gegenueber Hamburg-Eppendorf, sondern eine bewusste Phase des Abwaegens. Der “Sportschau” sagte Tah am Freitag dazu, der Schritt sei letztlich eine “Herzensentscheidung” gewesen - und er sei sie nie alleine gegangen. Sein Vater habe ihm immer die Tuer zur Elfenbeinkueste offengehalten, gleichzeitig aber gesagt: “Du musst das spueren.”
Am 26. Maerz 2016 lief Tah erstmals in Berlin im A-Trikot der DFB-Mannschaft auf - 1:3 gegen England in einem Laenderspiel, das einen Tag spaeter im Bild der “Bild” das Stichwort “deutscher Innenverteidiger der naechsten zehn Jahre” trug. Es waren zehn Jahre, in denen Tah in Leverkusen ankam, dort 2024 unter Xabi Alonso als Kapitaen das Double holte und im Sommer 2025 zum FC Bayern Muenchen wechselte. In Muenchen wurde er in seiner ersten Saison 2025/26 erneut deutscher Meister und DFB-Pokalsieger. 49 Tage bevor er am Samstag in Toronto sein vermutlich 49. A-Laenderspiel bestreitet, stand er beim FC Bayern in Berlin mit der Schale vor dem Publikum.
27,55 Jahre Durchschnitt - Tahs Achse mit Schlotterbeck
In der DFB-Mannschaft, die Julian Nagelsmann zur WM 2026 mitgenommen hat, ist Tah die ordnende Konstante in der Vierer-Kette. Die Innenverteidigung lautet Tah-Schlotterbeck, drei Jahre juenger als die Tah-Ruediger-Variante der EM 2024 und mit deutlich mehr Vertikal-Spielen aus dem Aufbau. Beim 7:1 gegen Curacao am 14. Juni in Houston brachten Tah und Schlotterbeck die Mannschaft auf einen Startelf-Durchschnitt von 27,55 Jahren - knapp zwei Jahre juenger als der EM-2024-Halbfinal-Schnitt von 29,75. Bei Ballbesitz tritt Tah als Erstaufbauer und Halbverteidiger auf, in der Defensive ist er fuer die Hoehe und die Antizipations-Linie zustaendig. Beim 7:1 hatte er 96 Ballaktionen, eine Passquote von 92 Prozent und keinen Ballverlust in der eigenen Haelfte.
Tahs Rolle ergaenzt die Bank-Rolle von Antonio Ruediger, der nach dem Curacao-Spiel in Winston-Salem oeffentlich anerkannte: “Jeder ist hier wichtig.” Mit Joshua Kimmich, Manuel Neuer und Ruediger gehoert Tah zu den vier Stamm-Routiniers ueber 30, die die Mannschaft mit den juengeren Stammkraeften wie Nathaniel Brown, Felix Nmecha und Schlotterbeck verbinden. Im Mannschaftsrat hat Tah seit der EM 2024 als Kapitaen-Stellvertreter eine Stimme; bei den Aufstellungs-Workshops im Trainingsquartier sitzt er regelmaessig mit Nagelsmann, Sandro Wagner und Benjamin Glueck zusammen.
Was die Wurzeln im Vorbericht hergeben
Tah ist nicht der Erste in der DFB-Mannschaft mit Wurzeln in West-Afrika. Antonio Ruediger hat eine sierra-leonische Mutter, Karim Adeyemi hat einen nigerianischen Vater. Aber Tah ist der Erste, der bei einer WM auf das Geburtsland eines Elternteils trifft, und genau das macht den Samstag zu einem Marker. Auf der Pressekonferenz am Mittwoch in Winston-Salem hatte ihn Bundestrainer Nagelsmann darauf vorbereitet: “Ich wollte das mit Jo besprechen, bevor jemand draussen die Frage stellt.” Tahs Antwort sei klar gewesen: Er werde mit der gleichen Konzentration spielen wie gegen Curacao, aber er werde am Samstag im Bus zur Anreise eine SMS an seinen Vater schicken.
Der Vater ist nach der “Sportschau” inzwischen wieder in der Elfenbeinkueste sesshaft. Ob er am Samstag fuer Deutschland oder fuer die “Elephants” mitfiebern werde, beantwortete Tah am Freitag mit einem Lachen: “Ich glaube, fuer mich.” Die DFB-Mannschaft trifft auf eine Elfenbeinkueste, die in Gruppe E nach dem 1:0 gegen Ecuador bereits drei Punkte gesammelt hat und mit Yan Diomande, Nicolas Pepe und Amad Diallo eine offensive Achse stellt, vor der Ruediger am Mittwoch unter dem Stichwort “D-Zuege” gewarnt hatte. Tah wird auf der Halb-Position rechts den 19-jaehrigen Diomande zuerst zu fangen haben - bei einem Eins-gegen-Eins die zentrale taktische Frage des Spiels.
Die Kabinen-Identitaet vs. die Spielfeld-Aufgabe
Identitaets-Stories haben in Turniervorbereitung oft einen Beigeschmack, weil sie das Persoenliche in die Kabine ziehen, wenn die Mannschaft die Kabine fuer das Sportliche braucht. Tah ist sich dieser Spannung bewusst. In Winston-Salem sagte er, er habe die Frage nach seinen Wurzeln auch erlebt, als die DFB-Mannschaft im November 2009 in Gelsenkirchen mit Trauerflor fuer Robert Enke gegen die Elfenbeinkueste antrat - er war damals 13 und sass mit der Mutter vor dem Fernseher in Hamburg-Eppendorf. Die Geschichte des 2009er-Spiels sei “ein Tag, der bei uns zu Hause ein Tag des Gespraechs war”.
Was Tah daraus mitgenommen habe? “Dass ein Spiel mehr sein kann als ein Spiel - und dass das die Konzentration dann noch erhoeht, nicht senkt.” Die Saetze sind die typische Tah-Formel: ruhig, ohne Pathos, aber mit einer klaren Pointe. In der Kabine, sagen Mannschaftskreise, sei Tah der Spieler, der vor wichtigen Spielen den Ton herunterhole - im Gegensatz zu Ruediger, der ihn anhebt. Beide werden am Samstag in Toronto gebraucht.
Toronto, BMO Field - die Buehne
Das BMO Field in Toronto ist mit 30.000 Plaetzen das kleinste der drei kanadischen WM-Stadien und das einzige im Freien. Anpfiff ist um 16:00 Uhr Ortszeit EDT, in Deutschland 22:00 Uhr MESZ. Die Wetter-Prognose nennt 21 Grad bei leichtem Wind, eine gute Spielumgebung nach der schwuelen Houston-Hitze des Auftakt-Spiels. Schiedsrichter ist Esteban Benitez aus Paraguay - eine Ansetzung, die das DFB-Lager wegen Paraguays Status als Gruppen-Gegner im dritten Spiel am 24. Juni in Atlanta als ungluecklich empfunden hat, gegen die aber kein offizieller Einspruch eingelegt wurde.
Im Spielplan ist das Spiel als M027 der Gruppe E gefuehrt. Mit einem Sieg waere die DFB-Mannschaft bei einer Mexiko-aehnlichen Punkte-Konstellation vorzeitig fuer die Sechzehntelfinal-Runde qualifiziert. Eine Niederlage wuerde die K.o.-Frage in das letzte Gruppenspiel am 24. Juni gegen Paraguay verlagern und das Sechzehntelfinal-Loos abhaengig von den Ecuador-Curacao-Ergebnissen am Donnerstag in Foxborough machen.
Fuer Jonathan Tah, den gebuertigen Hamburger mit dem ivorischen Vater, ist das alles aber nur Mathematik. Die wichtigere Rechnung steht am Samstag um 22 Uhr in seinem Kopf: Es ist nicht das Spiel gegen den Vater. Es ist das Spiel fuer die eigene Geschichte. “Das war fuer mich schon als Teenager klar”, hatte Tah am Freitag gesagt. In Toronto bekommt der Satz die Buehne, die er die letzten zehn Jahre fast nie hatte.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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