Urbig auf dem DFB-Mannschaftsfoto: Wie der 27. Spieler zum Novum wird
Auf dem offiziellen DFB-Mannschaftsfoto in Winston-Salem stehen 27 statt 26 Spieler. Jonas Urbig sorgt als Trainings-Torwart fuer ein Novum - die 26-plus-1-Geste Nagelsmanns vor dem WM-Auftakt.
Von Lukas Brandt 10. Juni 2026
Vier Tage vor dem WM-Auftakt gegen Curaçao bittet der DFB am Mittwoch, dem 10. Juni 2026, zum offiziellen Mannschaftsfoto im Quartier Winston-Salem. Wer auf dem Bild durchzählt, kommt nicht auf 26, sondern auf 27 Spieler in DFB-Trikots. Der Zusätzliche heißt Jonas Urbig, ist 22 Jahre alt und steht in keinem WM-Kader der Welt - sondern nur in dem, den Bundestrainer Julian Nagelsmann im Kopf hat.
Was am Mittwoch in Winston-Salem passiert ist
Der Foto-Termin ist Standard. Jede Nation lichtet ihren WM-Kader vor dem Turnier ab, FIFA und nationale Sponsoren wollen das offizielle Mannschaftsfoto, das später in jeder TV-Grafik und jedem Stadion-Banner auftaucht. Üblich ist: 26 Spieler plus Trainerteam, fertig. Was beim DFB am Mittwoch im Quartier Winston-Salem passiert, ist eine kleine Abweichung - und genau deshalb ein Tagesthema in den Liveblogs von Sportschau und kicker.
Auf dem Bild stehen zwei Torhüter, deren Namen jeder kennt: Manuel Neuer und Alexander Nübel. Dazu Oliver Baumann, die offizielle Nummer drei. Und eben Urbig. Vier Torhüter, von denen nur drei spielberechtigt sind - und einer, der formell gar nicht zum Kader gehört, aber mit auf dem offiziellen Foto bleibt. Genau das ist das Novum: dass ein nicht-nominierter Spieler in die Mannschafts-Inszenierung integriert wird, statt am Rand des Trainingsplatzes zu warten.
Warum Urbig formell nicht zum 26er-Kader gehört
Nagelsmann hat das 26er-Aufgebot am 21. Mai 2026 am DFB-Campus in Frankfurt nominiert und damit das Maximum ausgeschöpft, das die FIFA für die WM 2026 erlaubt. Im Tor: Neuer als Nummer eins, Nübel als Nummer zwei, Baumann als Nummer drei. Eine vierte Position für einen Torhüter im offiziellen Kader gibt es bei der WM 2026 nicht; das FIFA-Regelwerk legt die maximale Roster-Größe auf 26 Feldspieler-und-Torhüter zusammen fest.
Wer den Hintergrund noch einmal nachlesen will, findet das in unserem Bericht zur 26er-Kader-Nominierung. Die Kurzfassung: Nagelsmann hat sich öffentlich auf Neuer als WM-Nummer-eins festgelegt, Nübel ist Stuttgart-Stamm und damit gesetzt für die Zwei, Baumann hat sich in der Qualifikation eine sichere Drei-Rolle erspielt. Für Urbig blieb in diesem Drei-Mann-Konstrukt kein Platz auf der 26er-Liste - obwohl er bei Bayern eine starke Rückrunde 2025/26 gespielt hat.
Was “26 plus 1” beim DFB wirklich bedeutet
Im DFB-Tross heißt die Konstellation seit den Mai-Lehrgängen intern 26 plus 1. Urbig reist als zusätzlicher Trainings-Torwart mit, hat ein DFB-Trikot, ein DFB-Zimmer im Quartier, eine DFB-Verpflegung - aber keine Spielberechtigung. Sein Auftrag ist eng definiert: die drei nominierten Torhüter im Training zu entlasten, hochintensive Schussreihen mit den Stürmern zu absolvieren, das Tor-Training-Volumen über vier Wochen Turnier hinweg überhaupt erst möglich zu machen.
Das ist nicht völlig neu - andere Nationen reisen ebenfalls mit Schatten-Torhütern oder zusätzlichen Trainings-Gästen an. Neu ist die Sichtbarkeit, mit der Nagelsmann diese Rolle besetzt. Vergleichbare Trainings-Torhüter aus früheren WM-Lehrgängen tauchten in Hintergrund-Aufnahmen auf, nicht im offiziellen Mannschaftsfoto. Beim aktuellen DFB-Foto hingegen steht Urbig genau dort, wo sonst nur die 26 stehen würden.
Nagelsmanns Signal an Urbig - und warum es kalkuliert ist
Die Geste ist nicht improvisiert. Schon beim Pokalfinale am 23. Mai hatte Urbig die Bühne fast für sich allein: Bayern schonte Neuer wegen seiner Wadenprobleme, Urbig hütete das Tor beim 3:0 gegen den VfB Stuttgart, hielt entscheidende Bälle und feierte am Ende neben dem Kapitän mit dem Pott in der Hand. Genau die Bilder dieses Abends - Neuer und Urbig gemeinsam mit der Trophäe - zirkulierten in den Tagen danach durch jedes Sport-Ressort und Social-Feed.
Wer die Bayern-Achse im DFB-Quartier liest, sieht die Logik: Bayern stellt mit sieben Spielern die größte Klub-Fraktion im DFB-Aufgebot (Neuer, Kimmich, Tah, Pavlovic, Goretzka, Musiala, Karl), wie wir in der 16-plus-1-Bayern-Bilanz ausgerechnet haben. Urbig ist die 17. Bayern-Visitenkarte auf der Reise - und Nagelsmann nutzt das Mannschaftsfoto, um die Bayern-Torhüter-Achse als ein in sich geschlossenes Quartett zu inszenieren.
Es ist außerdem eine Vorbeugung. Sollte Neuer in den USA wieder Wadenprobleme bekommen oder Baumann ausfallen, könnte der DFB Urbig nachnominieren - die FIFA erlaubt bis zum ersten WM-Auftritt am 14. Juni medizinisch begründete Nachnominierungen. Indem Urbig schon jetzt im Mannschaftsfoto steht, ist ein potenzieller Wechsel von “Trainings-Gast” zu “WM-Spieler” symbolisch vorgezeichnet, ohne dass jemand die Hierarchie um Neuer/Nübel/Baumann öffentlich infrage stellen müsste.
Wie sich Urbig in den DFB-Kreis gespielt hat
Urbig ist seit Sommer 2025 vom 1. FC Köln bei Bayern. Seine Saison 2025/26 in München umfasst rund 20 Pflichtspiele - inklusive zwei DFB-Pokal-Partien und dem Finale gegen Stuttgart. Beim DFB nominierte Nagelsmann ihn erstmals zum Lehrgang im März 2026 als Trainings-Gast, im Mai zum WM-Lehrgang erneut. Für die Tests gegen Finnland am 31. Mai in Mainz und die USA am 6. Juni in Chicago saß er auf der Bank, bekam aber zwischen den Spielen die volle Trainings-Belastung im Tor.
Sein Bayern-Vertrag läuft bis 2030. Innerhalb des Klubs gilt er als designierter Neuer-Nachfolger, sobald der 40-jährige Kapitän die Karriere beendet. Beim DFB ist die Aussicht ähnlich: Neuer hat angekündigt, dass die WM 2026 sein letztes Turnier ist; Nübel ist Jahrgang 1996, könnte also noch zwei Turniere durchlaufen; Urbig ist Jahrgang 2003 und damit der einzige Torhüter im aktuellen Tross, der realistisch noch 2030 und 2034 dabei sein könnte. Das Mannschaftsfoto am Mittwoch ist also auch eine kleine Wegmarke: der nächste DFB-Torwart steht jetzt schon im Bild.
Was als Nächstes ansteht
Der DFB bleibt bis Freitag in Winston-Salem, dann beginnt der Umzug nach Houston für das Auftaktspiel gegen Curaçao am Sonntag, 14. Juni, 19:00 Uhr MESZ im NRG Stadium. Urbig reist mit, steht beim Spiel auf der Tribüne und wird vor und nach dem Anpfiff im Training-Volumen mit den drei nominierten Torhütern rotieren - der Standard-Rhythmus für die Trainings-Gast-Rolle.
Auf dem Mannschaftsfoto wird er bleiben. Wer das Bild in den nächsten Wochen in ZDF- oder ARD-Grafiken sieht, weiß jetzt, warum es 27 Köpfe zeigt und nicht 26. Und welche Geschichte Nagelsmann zwischen den Zeilen erzählen wollte: dass die WM 2026 für die DFB-Torhüter nicht nur ein Turnier ist, sondern auch ein Übergang.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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