Zum Inhalt springen
WM 2026

CONCACAF lehnt FIFA-Investorenplan ab - Montaglianis 41 Verbaende stellen sich hinter die UEFA

CONCACAF hat am 30. Juli 2026 einstimmig gegen den FIFA-Investorenplan (FFE) Position bezogen. Zweite Konfoederation nach UEFA - Voting-Mathematik verschiebt sich auf 96 nein von 211.

Von Marco Feldmann 30. Juli 2026

Victor Montagliani bei einem CONCACAF-Termin im Levi's Stadium. Der aus Vancouver stammende Praesident der Nord- und Mittelamerika-Karibik-Konfoederation hat am 30. Juli 2026 die Ablehnung des FIFA-Investorenplans FFE durch die 41 CONCACAF-Mitgliedsverbaende bekanntgegeben (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

FIFA / POST-WM 2026 · 30.07.2026 · 20:47 UHR - Rund vier Stunden nach dem einstimmigen UEFA-Beschluss in Nyon hat am Donnerstagabend eine zweite Konfoederation gegen den FIFA-Investorenplan (FIFA Forward Enterprise) Position bezogen. Die CONCACAF unter Praesident Victor Montagliani teilte gegen 19:30 UTC mit, dass ihre 41 Mitgliedsverbaende den von Infantino angeschobenen Deal ablehnen. Als Begruendung nennt das Verbands-Statement das “Fehlen eines ordnungsgemaessen Entscheidungsverfahrens” und die “kuenstlich kurz gesetzten Fristen”. Damit stehen zwei Kalendertage vor dem Wochenende bereits 96 der 211 FIFA-Verbaende in einer Nein-Position - fuer die 106-Stimmen-Mehrheit am 19. September fehlen Gianni Infantino nun noch 10 Stimmen aus 115 verbleibenden Verbaenden.

Der CONCACAF-Beschluss: Ablehnung, Wortlaut, Zeitpunkt

Die Sitzung des CONCACAF-Rates lief parallel zur UEFA-Nyon-Krisensitzung im spaeten Nachmittag am Donnerstag. Der Verband kommunizierte das Ergebnis erst nach dem UEFA-Statement, offenbar bewusst nachgelagert, um die eigene Positionierung nicht als reine Reaktion auf Europa erscheinen zu lassen. Kicker meldete den Beschluss um 19:34 UTC, sportschau.de fuegte um 20:30 UTC eine Einordnung an (“Das System broeckelt weiter”).

Der Kern des CONCACAF-Statements sind drei Formulierungen. Erstens die Prozess-Kritik: Der Investoren-Deal sei ohne “ordnungsgemaesses Entscheidungsverfahren” vorgelegt worden und die Fristen seien “kuenstlich kurz gesetzt”. Zweitens die inhaltliche Anti-These: Die “profitabelste WM der Geschichte” (gemeint: die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko) mache “die Notwendigkeit privater Finanzierung fragwuerdig”. Drittens die Handlungs-Anweisung an die eigenen Rats-Mitglieder: mit der FIFA “ueber die Nutzung bestehender Reserven fuer FIFA-Forward-Programme” zu verhandeln und sicherzustellen, “dass alle Angelegenheiten gemaess den FIFA-Statuten den ordnungsgemaessen Governance-Prozessen” folgen.

Anders als die UEFA verzichtet die CONCACAF auf eine explizite Boykott-Androhung. Der Kontinentalverband adressiert Infantino nicht mit der Formulierung “wir werden nicht mehr an FIFA-Wettbewerben teilnehmen”, sondern mit “wir bestehen auf ordnungsgemaesser Governance”. Das ist eine mildere Eskalationsstufe. Substanz-Gleich zur UEFA: Die 41 CONCACAF-Verbaende werden dem Investoren-Modell bei der 19.-September-Abstimmung nicht zustimmen.

Der Zeitablauf des 30. Juli: UEFA-Nyon vormittags, CONCACAF nachmittags

Der Donnerstag hat den Machtkampf zwischen den Kontinental-Verbaenden und der FIFA-Zentrale in eine neue Phase gehoben. Der Zeitablauf ist prozessual bedeutsam.

Um 13:00 UTC begann die UEFA-Krisensitzung im Haus des europaeischen Fussballs in Nyon. Um 15:30 UTC meldete kicker.de das Outcome: einstimmiger Boykott-Beschluss der 55 UEFA-Verbaende, konditional an das Fortbestehen des Investoren-Plans geknuepft, mit dem Kernzitat “Nach den heutigen Gespraechen werden keine UEFA-Nationalteams an FIFA-Wettbewerben teilnehmen, solange diese Vorschlaege im Raum stehen”. Um 16:30 UTC folgte die ausfuehrliche sportschau.de-Einordnung. Um 19:34 UTC meldete kicker.de den CONCACAF-Beschluss.

Der 30. Juli hat damit binnen etwa vier Stunden zwei einstimmige Konfoederations-Beschluesse gegen den FIFA-Investorenplan produziert. Zusammen mit den Vorlauf-Positionierungen der letzten 48 Stunden (Bayern-Sportvorstand Max Eberl am 29. Juli Nachmittag, DFB-Praesident Bernd Neuendorf und Vizepraesident Hans-Joachim Watzke am 29. Juli Abend, LaLiga-Praesident Javier Tebas’ Ruecktrittsforderung aus den Vortagen) ist die Frontstellung gegen das Modell breit dokumentiert.

Die neue Voting-Mathematik: 96 nein von 211, FIFA braucht 106 von 115 verbleibenden

Die FIFA-Frist an die 211 Mitgliedsverbaende, dem Investoren-Modell schriftlich zuzustimmen, laeuft weiter bis zum 19. September 2026. Erforderlich ist eine einfache Mehrheit von 106 Stimmen, damit das Modell zum 1. Januar 2027 in Kraft treten kann.

Die kontinentale Verteilung der 211 FIFA-Mitgliedsverbaende sieht wie folgt aus: UEFA 55, CAF 54, AFC 47, CONCACAF 41, CONMEBOL 10, OFC 11 (nach FIFA-eigener Zaehlung mit einzelnen Ueberschneidungen, die auf 211 abzueglich der Doppel-Zuordnungen fuehren).

Bis Donnerstagmittag standen keine formalen Konfoederations-Beschluesse gegen den Deal fest. Nach der UEFA-Nyon-Sitzung waren es 55 feste Nein-Stimmen. Nach der CONCACAF-Sitzung sind es 96. Fuer die 106-Mehrheit fehlen der FIFA damit ab jetzt noch 10 Ja-Stimmen aus 115 verbleibenden Verbaenden. Das entspricht einer Zustimmungsquote von rund 8,7 Prozent der Rest-Verbaende. Das ist auf den ersten Blick eine niedrige Huerde, wird aber durch die Struktur der 115 Rest-Stimmen relativiert. Diese 115 verteilen sich auf vier Konfoederationen, deren Positionen (siehe unten) sehr unterschiedlich sind: Wenn AFC ebenfalls kippt (47 Verbaende), sind 143 nein und die Abstimmung ist verloren, bevor CAF, CONMEBOL und OFC ueberhaupt abgestimmt haben.

Anders formuliert: Der Machtkampf entscheidet sich ab jetzt an der AFC-Position. Bleibt die AFC bei ihrer bisherigen “enttaeuscht”-Positionierung ohne formalen Beschluss, hat die FIFA eine reelle Chance. Wird die AFC in ihrer eigenen Krisensitzung (Beobachter erwarten den Termin fuer die kommende Woche) einem UEFA-CONCACAF-Muster folgend beschliessen, ist der Investoren-Plan mathematisch tot.

Der Gastgeber-Effekt: CONCACAF stellt den Verband, in dessen Region die WM 2026 stattfand

Die symbolische Ebene des CONCACAF-Beschlusses ist mindestens so bedeutsam wie die mathematische. Die WM 2026 fand ausschliesslich auf CONCACAF-Territorium statt: 78 Spiele in den USA, 13 in Kanada, 13 in Mexiko. Alle 16 Ausrichter-Staedte (Atlanta, Boston, Dallas, Guadalajara, Houston, Kansas City, Los Angeles, Mexico City, Miami, Monterrey, New York/New Jersey, Philadelphia, San Francisco, Seattle, Toronto, Vancouver) sind CONCACAF-Territorium. Weltmeister Spanien gewann das Endspiel am 19. Juli 2026 im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey.

Genau dieses Turnier ist Infantinos Argumentations-Anker fuer den Investoren-Plan. Die kolportierten Rekord-Umsaetze (vorlaeufige FIFA-Angaben deuten auf ein Bruttoergebnis oberhalb von 12 Milliarden US-Dollar, weit ueber den 7,5 Milliarden der WM 2022 in Katar) begruenden nach FIFA-Lesart die Attraktivitaet des Formats fuer private Investoren. Wenn nun der Gastgeber-Kontinentalverband selbst sagt, dass ausgerechnet nach dieser rekord-profitablen WM die “Notwendigkeit privater Finanzierung fragwuerdig” sei, faellt das Kern-Argument des FIFA-Praesidenten zusammen.

Dazu kommt die politische Dimension. Die USA sind Mit-Gastgeber der WM 2026 - und die Trump-Administration hat sich in den vergangenen Monaten eng an Infantino gebunden, unter anderem mit dem Symbol-Event des Trump-Empfangs im Weissen Haus nach dem Halbfinal-Aus des US-Teams. Der US-Fussballverband (USSF) ist Mitglied der CONCACAF - und traegt den einstimmigen CONCACAF-Beschluss damit formal mit. Das ist ein indirektes Signal aus dem US-Fussball an die eigene Regierung: der WM-Gastgeberverband distanziert sich von der Vermarktungs-Ausschlachtung, die Infantino und die politisch verbundene Trump-Administration vorantreiben.

Was aus AFC, CAF, CONMEBOL und OFC bis 19. September zu erwarten ist

Fuer den weiteren Verlauf bis zur 19.-September-Frist sind vier Konfoederations-Positionen entscheidend.

Die AFC (47 Verbaende, Praesident Salman bin Ibrahim Al-Khalifa) hat sich am 29. Juli in einer Sportschau-Meldung “enttaeuscht” ueber die intransparente FIFA-Vorlage geaeussert. Beobachter erwarten eine AFC-Krisensitzung im Verlauf der ersten August-Woche. Ein Muster-Beschluss analog zu UEFA und CONCACAF wuerde die FIFA praktisch chancenlos machen. Eine mildere Position (“Bedenken, aber kein formaler Nein-Beschluss”) wuerde die individuelle Abstimmungs-Entscheidung bei den 47 Einzelverbaenden lassen - das ist Infantinos Best-Case-Szenario.

Die CAF (54 Verbaende, Praesident Patrice Motsepe) zeigt bislang die groesste Offenheit fuer den Deal. Die 20-Millionen-USD-Soforthilfe fuer zustimmende Verbaende ist fuer viele afrikanische Verbaende eine strukturelle Etat-Verstaerkung, die den Jahresetat in einigen Faellen verdoppeln wuerde. CAF ist damit die entscheidende Konfoederation fuer Infantinos Rest-Chance. Selbst bei einer geschlossenen CAF-Zustimmung (54 Ja-Stimmen) fehlen der FIFA jedoch 52 weitere Stimmen aus den verbleibenden 61 Verbaenden (47 AFC + 10 CONMEBOL + 4 OFC-Rest nach ggf. 7 CAF-Ueberschneidungen) - unter der Annahme einer Nein-Positionierung der AFC ist das nicht machbar.

Die CONMEBOL (10 Verbaende, Praesident Alejandro Dominguez) ist gespalten. Argentinien und Brasilien tendieren kritisch, kleinere Verbaende (Bolivien, Paraguay, Peru) sind offener. Eine geschlossene CONMEBOL-Zustimmung ist unwahrscheinlich, ein 6-4-Ergebnis (moderate Mehrheit fuer die FIFA) realistisch.

Die OFC (11 Verbaende, Praesident Lambert Maltock) hat sich bislang nicht positioniert. Ozeanien ist der kleinste Kontinentalverband und traditionell FIFA-loyal - eine mehrheitliche Zustimmung ist wahrscheinlich, aber die 11 Stimmen aendern die Gesamt-Mathematik kaum.

Realistisches Best-Case-Szenario fuer die FIFA (angenommen CAF geschlossen ja, OFC 9 ja, CONMEBOL 6 ja, AFC 47 ohne formalen Beschluss und individuell abstimmend mit ~45 Prozent ja): 54 + 9 + 6 + 21 = 90 Ja-Stimmen. Das reicht nicht fuer die 106. Selbst unter sehr FIFA-freundlichen Annahmen ist die Mehrheit nach dem Doppelbeschluss von UEFA und CONCACAF nur noch mit AFC-Kollaps zu erreichen. Das ist keine substanzielle Mehrheit, sondern eine mathematische Rest-Chance.

FIFA-Reaktion und der neue Governance-Raum vor der 19.-September-Frist

Die FIFA hat bis Donnerstagabend nicht offiziell auf die beiden Konfoederations-Beschluesse reagiert. In FIFA-Kreisen gilt eine informelle Aussetzung der Frist mit dem Ziel einer inhaltlichen Nachbesserung des Modells als denkbares Szenario. Der Preis waere jedoch fuer Infantino persoenlich hoch: eine Fristverlaengerung nach zwei einstimmigen Konfoederations-Ablehnungen ist ein sichtbarer Rueckzieher, den der FIFA-Praesident zuletzt bei aehnlich gelagerten Governance-Fragen (Katar-Vergabe-Nachverhandlungen, Klub-WM-Format-Aenderungen) vermeidet.

Denkbar ist auch eine juristische Auseinandersetzung. Die UEFA hat in ihrem Beschluss angedeutet, gegen den FIFA-Investoren-Plan bei dessen Umsetzung “alle rechtlichen Optionen” pruefen zu wollen. Der internationale Sportgerichtshof (TAS/CAS) in Lausanne waere in erster Instanz zustaendig; letzte Instanz waere das Schweizer Bundesgericht. Ein solches Verfahren wuerde die Umsetzung des Modells um Jahre verzoegern.

Die naechsten Termine sind absehbar. In den ersten August-Tagen wird die AFC-Position erwartet. Danach folgen voraussichtlich die formalen CAF- und CONMEBOL-Beschluesse. Bis Ende August sollten alle sechs Kontinentalverbaende Positionen bezogen haben. Der 19. September ist dann die formale Abstimmung, wenn Infantino nicht vorher zurueckzieht.

Der 30. Juli 2026 hat den Machtkampf zwischen den Kontinental-Verbaenden und der FIFA-Zentrale in eine offene Phase gehoben. Die Statik des Investorenplans, die noch am Mittwochabend intakt schien, ist innerhalb von 30 Stunden auf eine mathematische Rest-Chance zusammengeschrumpft. Die Frage ist nicht mehr, ob der Widerstand Wirkung entfaltet, sondern nur noch, ob die FIFA einen ordnungsgemaessen Rueckzug findet oder ob die Frist am 19. September zum offenen Bruch fuehrt.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

Mehr aus WM 2026