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WM 2026

FairSquare kehrt zur FIFA-Ethikkommission zurueck: zweite Beschwerde gegen Infantino wegen Trump-Naehe

FairSquare reicht am 8. September 2026 eine zweite Beschwerde bei der FIFA-Ethikkommission ein. Der Sieben-Punkte-Katalog zielt auf Trump-Naehe und Balogun.

Von Marco Feldmann 08. September 2026

5. Dezember 2025, Kennedy Center Washington: FIFA-Praesident Gianni Infantino uebergibt US-Praesident Donald Trump waehrend der WM-Auslosungs-Zeremonie den ersten FIFA-Friedenspreis. Neun Monate spaeter ist diese Uebergabe einer von sieben Vorwurfs-Punkten in der neuen FairSquare-Beschwerde bei der FIFA-Ethikkommission (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Am Dienstag 08.09.2026 hat die britische Menschenrechtsorganisation FairSquare eine neue formelle Beschwerde gegen FIFA-Praesident Gianni Infantino bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht. Es ist die zweite FairSquare-Beschwerde bei der FIFA-eigenen Ethik-Instanz - die erste vom Dezember 2025 hatte nach FairSquare-Angaben nur eine Empfangsbestaetigung, aber keine inhaltliche Reaktion ausgeloest. Der neue Vorwurfskatalog umfasst sieben konkrete Punkte, die von der Friedenspreis-Vergabe an Trump im Kennedy Center bis zu einem geplanten Investorendeal mit Trump-nahen Investoren reichen. Die Beschwerde ist der zweite Governance-Vorstoss innerhalb von 24 Stunden nach dem RBFA-Council-Antrag der belgischen Verbandspraesidentin Pascale Van Damme vom Vortag, zielt aber auf einen anderen FIFA-Kanal: die Ethikkommission unter dem griechischen Juristen Vassilios Skouris.

Was FairSquare am 8. September bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht hat

Die Beschwerdeschrift kommt aus der Feder von FairSquare-Direktor James Lynch, dem frueheren Amnesty-International-Referatsleiter fuer Sport. Der Wortlaut, den sportschau.de am 08.09. verbreitet hat, ist juristisch praezise formuliert: “Das Verhalten von Herrn Infantino gegenueber Praesident Trump stellt einen schwerwiegenden Verstoss gegen seine Pflicht zur politischen Neutralitaet sowie einen eklatanten Missbrauch der praesidialen Befugnisse dar.” Diese Formel adressiert direkt Artikel 15 des FIFA-Ethikkodex, der dem FIFA-Praesidenten die Wahrung politischer Neutralitaet ausdruecklich vorschreibt.

Die Ethikkommission ist ein quasi-gerichtliches Aufsichts-Gremium der FIFA. Sie kann bei nachgewiesenem Verstoss Verwarnungen, Geldstrafen oder Amts-Sperren von bis zu zwei Jahren verhaengen. Vorsitzender ist der ehemalige Praesident des Europaeischen Gerichtshofs Vassilios Skouris. Struktureller Haken: Die Kommissions-Mitglieder werden vom FIFA-Rat bestellt, dessen Vorsitzender Infantino selbst ist - genau dieser Widerspruch war der Ausgangspunkt fuer FairSquares parallelen Vorstoss beim IOC-Ethikkomitee, den das IOC am 24. Juli 2026 formell abgelehnt hatte. Nach dieser IOC-Absage kehrt FairSquare nun zurueck zur FIFA-eigenen Instanz.

Der Sieben-Punkte-Vorwurfskatalog - politische Neutralitaet und Trump-Naehe

Der Katalog buendelt alle bisher dokumentierten Infantino-Trump-Verbindungen zu sieben distinkten Vorwurfs-Punkten. Erstens die intransparente Vergabe eines von Infantino kreierten FIFA-Friedenspreises an Trump waehrend der WM-Auslosung am 5. Dezember 2025 im Kennedy Center in Washington. Zweitens Infantinos persoenliche Teilnahme an Trumps zweiter Amtseinfuehrung am 20. Januar 2025 und der zeitgleiche Instagram-Post mit dem Trump-Kampagnenslogan “Make America great again”. Drittens die oeffentliche Nominierung Trumps fuer den Friedensnobelpreis, die Infantino in mehreren Auftritten getaetigt hatte.

Viertens Infantinos Beitritt zum von Trump ausgerufenen “Friedensrat” - laut FairSquare-Diktion “eine Parallelorganisation zu den Strukturen der Vereinten Nationen”. Fuenftens der Fall Balogun: Die kurzfristige Aussetzung der Rot-Sperre fuer US-Stuermer Folarin Balogun vor dem WM-Achtelfinale gegen Belgien am 7. Juli 2026 nach einem am selben Tag dokumentierten Telefonat zwischen Trump und Infantino. Sechstens ein von FairSquare recherchierter, geplanter privater Investorendeal mit Trump-nahem Umfeld, den die Organisation als “Missbrauch seines Amtes als FIFA-Praesident” klassifiziert. Siebtens die Gesamt-Kette der Handlungen als kodifizierter Verstoss gegen die Neutralitaets-Pflicht.

Reboot-FIFA-Kampagne - 100.000 Unterstuetzer, ein Drittel aus Deutschland

Die Beschwerde ist der prozedurale Hebel der seit Anfang 2026 laufenden FairSquare-Kampagne “Reboot FIFA”. Der Kampagnen-Zaehler steht am 08.09. bei mehr als 100.000 Unterstuetzern weltweit, wovon rund ein Drittel aus Deutschland kommt - ein bemerkenswerter Anteil, der die deutsche Sensibilitaet fuer die Vermischung von Sport-Governance und US-Innenpolitik unterstreicht. Die Kampagne fordert eine institutionelle FIFA-Reform mit unabhaengiger Ethik-Aufsicht, klarer Trennung von Governance und operativem FIFA-Geschaeft und ein Ende der Praesidenten-Konzentration von Amt und politischer Positionierung.

Der deutsche Anteil an der Reboot-FIFA-Unterstuetzung fuegt sich in einen breiteren Zusammenhang. Die Watzke-DLF-Sportgespraech-Hoffnung vom 2. September 2026 mit dem Satz “Ich hoffe, dass er das irgendwann selbst realisiert” und die von 211.000 Unterstuetzern getragene Fanbuendnis-Petition zeigen, dass die deutsche Fussball-Oeffentlichkeit die Governance-Frage nicht als peripher wahrnimmt.

Warum FairSquare zurueckkehrt - Dezember 2025 und der IOC-Bumerang

Der historische Bogen der FairSquare-Beschwerden macht die neue Eingabe zum dritten Anlauf. Im Dezember 2025 - unmittelbar nach der Kennedy-Center-Friedenspreis-Uebergabe - hatte FairSquare erstmals bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht, gestuetzt auf Artikel 15 und den urspruenglich engeren Vorwurfs-Katalog rund um Friedenspreis und “guter Freund”-Rhetorik. Nach FairSquare-Angaben blieb die Antwort auf eine reine Empfangsbestaetigung beschraenkt; eine inhaltliche Ethik-Pruefung wurde nicht eingeleitet.

Parallel dazu hatte FairSquare eine aehnliche Beschwerde beim IOC-Ethikkomitee eingereicht, weil Infantino seit 2020 IOC-Mitglied ist. Das IOC hatte am 24. Juli 2026 formal seine Nicht-Zustaendigkeit erklaert und die Beschwerde unter Verweis auf die Olympische Charta an die FIFA-Autonomie zurueckverwiesen. Genau dieser Bumerang-Effekt - vom IOC zurueck zur FIFA-Ethikkommission - ist der prozedurale Rahmen fuer die neue Beschwerde vom 08.09.: FairSquare kommt mit einem breiter aufgestellten Vorwurfskatalog zurueck zu jener Instanz, deren strukturelle Naehe zum Beschwerde-Gegenstand zunaechst zur Ausweich-Strategie IOC gefuehrt hatte.

FIFA-Reaktion - “gutes Verhaeltnis zu Trump wichtig fuer WM 2026”

Die FIFA hat am 08.09. auf die neue Beschwerde in einer knappen Erklaerung reagiert. Die Weltverbands-Zentrale betont, dass “ein gutes Verhaeltnis zum US-Praesidenten wichtig fuer die reibungslose Ausrichtung der WM 2026” sei, und weist Vorwuerfe der Neutralitaets-Verletzung zurueck. Die praktische Botschaft: Der FIFA-Sprecher verweist erneut auf die Wiederwahl-Bekraeftigung vom 06.09. - “The President announced in April he would run again in 2027. Of course nothing has changed.”

Rechtlich ist die FIFA-Antwort nicht zu unterschaetzen. Sie framet die Trump-Naehe als operatives Erfordernis der WM 2026 und damit als Amts-Pflicht, nicht als politische Positionierung. Ob die Ethikkommission diese Argumentation uebernimmt, entscheidet ueber den Ausgang des Verfahrens.

Was neben FairSquare laeuft - NFF, EU-Parlament, US-Justizausschuss, RBFA-Council

Die FairSquare-Beschwerde tritt in ein bereits dicht bespieltes Feld ein. Der norwegische Fussballverband NFF unter Praesidentin Lise Klaveness hatte am 23. Juli 2026 einen eigenen Balogun-Vorstoss bei der FIFA-Ethikkommission angekuendigt. Rund 50 Abgeordnete des Europaeischen Parlaments haben von der Ethikkommission ebenfalls ein Handeln gefordert. Der Justizausschuss des US-Repraesentantenhauses hat Infantino eine formelle Vorladung erteilt. Der Van-Damme-Council-Antrag vom 07.09. bringt den Balogun-Fall auf die FIFA-Council-Sitzung am 15. Oktober in Zuerich.

Diese Parallel-Kanaele erzeugen einen Konvergenz-Punkt fuer die Ethikkommission: In der Sache Balogun laufen ab September 2026 mindestens drei formelle Beschwerde-Straenge (FairSquare, NFF, RBFA via Council) gleichzeitig. Der FIFA-Kongress in Rabat am 18. Maerz 2027 rueckt damit institutionell naeher an ein potenziell laufendes Ethik-Verfahren - eine Konstellation, die Infantinos Wahlkampf-Kalkulation belasten kann, auch wenn die 211 Mitgliedsverbaende als Wahlgremium weiter mehrheitlich als Infantino-loyal gelten.

Die naechste Prozessstufe liegt jetzt bei der Ethikkommission selbst. Skouris hat 30 Tage Zeit, ueber die Einleitung eines Ermittlungs-Verfahrens zu entscheiden. Sollte er das Verfahren einleiten, waere die Fruehjahrs-Sitzung 2027 der wahrscheinliche Zeitpunkt einer Entscheidung - vier bis sechs Wochen vor dem Rabat-Kongress. Sollte er das Verfahren zurueckweisen, waere das der zweite formelle Nicht-Aufgriff einer FairSquare-Beschwerde und wuerde die Reboot-FIFA-Kampagne prozedural in Richtung UEFA-Front und Council-Route zwingen.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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