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WM 2026

FIFA eröffnet WM-Finale-Verfahren formell: Almada, Gavi und AFA neu im Visier

Neun Tage nach dem WM-Finale 2026 hat die FIFA formell Verfahren eröffnet. Almada, Gavi und AFA neu im Visier - Malvinas-Banner und Gesänge als Grund.

Von Marco Feldmann 29. Juli 2026

Atlanta, Juni 2024: Thiago Almada - der Argentinier ist am 29.07.2026 als vierte Person auf argentinischer Seite in das formelle FIFA-Disziplinarverfahren nach dem WM-Finale 2026 einbezogen worden (Foto: Andrew Clark / Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Neun Tage nach dem Schlusspfiff des WM-Finales 2026 zwischen Spanien und Argentinien im MetLife Stadium hat die FIFA-Disziplinarkommission in Zürich am Mittwochabend, 29. Juli 2026, das Verfahren gegen die argentinische Delegation formell eröffnet und dabei substantiell erweitert. Neu im Verfahren stehen laut Sportschau- und Kicker-Bericht drei Adressaten: Thiago Almada als vierter Argentinier, Gavi als erster Spanier (bisher nur Geschädigter) und die AFA als juristische Person. Damit hat sich der Zugriff der FIFA innerhalb einer Woche von der Vier-Personen-Ermittlung (Paredes, Molina, Ayala) auf ein Fünf-Personen-Verfahren plus Verbandsanklage entwickelt.

Die Erweiterung des Verfahrens - Wer neun Tage nach dem Endspiel neu ins Visier rückt

Die Mitteilung der FIFA-Kommunikationsabteilung am Mittwoch beschreibt drei Verfahren-Ebenen: individuelle Sanktionen gegen Spieler, Sanktionen gegen den Betreuerstab und institutionelle Sanktionen gegen den Verband. Alle drei Ebenen sind mit dem 29. Juli aktiv.

Thiago Almada - der 4. Argentinier im Verfahren

Der 25-jährige Almada, im Sommer 2025 vom Atlanta-United-Franchise nach Olympique Lyon gewechselt und in Frankreich einer der Spielmacher der abgelaufenen Ligue-1-Saison, wurde von Scaloni im Endspiel in der 118. Minute für Julian Alvarez eingewechselt - also mitten in der Verlängerung, in der Ferran Torres in der 106. Minute den Siegtreffer zum 1:0 erzielt hatte. Almada war laut Kicker-Rekonstruktion einer der ersten Argentinier, die nach dem Schlusspfiff in Richtung des spanischen Blocks liefen. Welche konkrete Aktion die FIFA-Ermittler bei ihm identifiziert haben, ist am Mittwochabend nicht mitgeteilt worden. Die argentinische Sport-Tageszeitung Olé spekuliert auf einen Wortwechsel mit Dean Huijsen, der zu einer Kopfbewegung Almadas eskaliert sei.

Gavi - der Spanier im Visier, nicht mehr nur als Geschädigter

Der prominenteste Neuzugang im Verfahren ist Gavi. Der 22-jährige Barcelona-Mittelfeldspieler war in der Sequenz nach dem Ferran-Torres-Volltreffer selbst Ziel der Paredes-Tätlichkeit geworden. Wie im Paredes-Rote-Karte-Bericht dokumentiert hatte Paredes den nachrückenden Gavi am Trikot gepackt, zu Boden geworfen und ihm mit dem Unterarm ins Gesicht geschlagen. Am Mittwochabend führte die FIFA Gavi jetzt selbst als Adressaten - die Videoauswertung hat offenbar eine Rücktrittsaktion oder eine körperliche Reaktion identifiziert, die eine eigene Prüfung rechtfertigt. Der spanische Verband RFEF signalisiert Kooperation, verweist aber öffentlich darauf, dass Gavi zunächst Angegriffener gewesen sei.

AFA - der Verband als institutioneller Adressat

Die dritte Neuerung ist die institutionelle Anklage. Die AFA, seit 2017 unter Präsident Claudio Tapia geführt, steht als juristische Person eigenständig im Verfahren. Die FIFA nennt drei Anklagepunkte: verzögerte Anpfiffe des Endspiels (der Anpfiff der Verlängerung war um mehr als vier Minuten verzögert worden, weil die Argentinier die Kabine nicht rechtzeitig verließen), von argentinischen Anhängern auf den Rasen geworfene Gegenstände sowie diskriminierende Gesänge und Gesten aus dem argentinischen Fanblock. Präzedenz: die 2022er FIFA-Geldstrafe von rund 130.000 US-Dollar nach dem Katar-Halbfinale gegen Kroatien.

Die neuen Anklagepunkte - “diskriminierende Gesänge” und “politische Botschaften”

Am materiell interessantesten sind die zwei Ergänzungen im FIFA-Wortlaut, die am 20. Juli noch nicht Bestandteil der Mitteilung waren: “discriminatory chants and gestures” und “political messages”. Beide Formulierungen verweisen auf konkrete Vorfälle vor dem Endspiel.

Das Malvinas-Banner aus dem Halbfinale gegen England

Das Banner mit dem Schriftzug Las Malvinas son Argentinas war im Halbfinale gegen England im argentinischen Block ausgerollt worden und hatte binnen Stunden diplomatische Wellen bis in die britische Regierung geschlagen. Die FIFA-Kommission hatte damals bereits Torwart Emiliano Martinez und Mittelfeldspieler Giovani Lo Celso zu ihrer Rolle vernommen (siehe Falkland-Plakat-Vorlaufbericht). Am 29. Juli hat die FIFA das Banner-Thema in das erweiterte Argentinien-Verfahren integriert und als “politische Botschaft” im Sinne von Artikel 16 des FIFA-Disziplinarcodes eingestuft. Politische Botschaften in Stadien sind FIFA-rechtlich grundsätzlich untersagt.

Gesänge und Gesten - was FIFA konkret prüft

Der zweite Punkt bezieht sich auf Fan-Gesänge aus dem argentinischen Block sowohl beim Halbfinale in Kansas City als auch beim Endspiel in East Rutherford. Zeugenaussagen liegen der FIFA laut Sportschau-Bericht sowohl von spanischen als auch englischen Delegationsmitgliedern vor. Der Formulierungsbaustein “discriminatory” ist im FIFA-Regelwerk breit gefasst und umfasst Herkunfts-, Hautfarbe-, Religions- und Orientierungs-Diskriminierung. Welche konkreten Gesänge im Fokus stehen, ist am Mittwochabend nicht mitgeteilt worden.

Vom Ermittler zur Anklage - der prozessuale Schritt vom 20. auf den 29. Juli

Der Unterschied zwischen der Mitteilung vom 20. Juli und der Mitteilung vom 29. Juli ist prozessual erheblich. Am 20. Juli hatte die FIFA-Disziplinarkommission einen “Disziplinar- und Ethikermittler” ernannt - eine Voranklagestufe. Am 29. Juli ist das Verfahren formell eröffnet worden, konkret durch die Anforderung von Stellungnahmen aller Adressaten. Nach Artikel 34 des FIFA-Disziplinarcodes haben Adressaten in der Regel 21 Tage Zeit, sich schriftlich zu äußern. Danach entscheidet die Kommission “in gebührender Zeit”, so die FIFA-Formulierung.

Realistischer Zeitplan: erste Entscheidungen im Individualverfahren gegen Paredes und Molina Ende August 2026, danach Almada und Ayala, dann Gavi. Der institutionelle AFA-Fall wird laut Kicker eher Ende September verhandelt, weil der Verband eine ausführliche Stellungnahme mit Zeugenaussagen ihrer Fan-Vertreter vorlegen wird. AFA-Präsident Claudio Tapia hatte in seiner Rückreise-Konferenz in New York angekündigt, “alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen” und “keinen Argentinier ohne Verteidigung zu lassen”.

Was jetzt drohen kann - individuelle Sperren, Geldstrafen, Verbandsstrafen

Auf der individuellen Ebene bewegen sich die Sanktionserwartungen im folgenden Rahmen: Paredes wegen Doppel-Tätlichkeit an einem Tag (Eric Garcia und Gavi) drei bis sechs Pflichtspielsperren; Molina wegen Faustschlag gegen Rodri ein bis drei Spiele; Almada je nach Videoauswertung unter zwei Spielen; Ayala als Betreuer Geldstrafe plus Stadionverbot für bis zu sechs Pflichtspiele; Gavi ein bis zwei Spiele. Alle Sperren wirken ab Rechtskraft und treffen zuerst die argentinischen Freundschaftsspiele im Herbst 2026 gegen Kamerun und Angola sowie den Start der CONMEBOL-Qualifikation für die WM 2030 im September 2026.

Institutionell kann die AFA mit einer Geldstrafe zwischen 100.000 und 400.000 US-Dollar belegt werden - Präzedenz ist die 2022er Katar-Sanktion. Möglich sind zusätzlich Auflagen für Geisterspiele oder Teilausschluss von Anhängern beim ersten Qualifikationsspiel im September 2026. Beim RFEF-Verband, der in der Sache formell nicht als Adressat geführt wird, drohen keine institutionellen Sanktionen; das spanische Verfahren beschränkt sich auf Gavi als Einzelperson.

Nicht Teil des am 29. Juli erweiterten Verfahrens sind Enzo Fernandez (bereits am Finalabend Gelb-Rot in der Nachspielzeit, damit separat abgehandelt), Nicolas Otamendi (bislang nur verbale Auseinandersetzung mit Rodri dokumentiert, keine körperliche Aktion) und die argentinische Betreuer-Ebene über Ayala hinaus. Sollten weitere Zeugenaussagen im Rahmen der 21-Tage-Frist Belastungen für andere Personen ergeben, kann die FIFA-Kommission das Verfahren erneut erweitern - genauso wie sie es zwischen 20. und 29. Juli getan hat.

Die spanische Bundestrainerreaktion war bereits am Wochenende artikuliert worden: Luis de la Fuente hatte die argentinischen Aggressionen als “inakzeptabel” bezeichnet. Nach der Aufnahme Gavis in das Verfahren dürfte die spanische Öffentlichkeit den Ton allerdings etwas moderater ansetzen. Kein Weltmeister hat je ein FIFA-Nachfinale-Verfahren gegen sich laufen sehen - genauso wenig wie ein Vize-Weltmeister mit fünf Adressaten plus Verband.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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