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DFB-Team

Goretzka im kicker-Interview: 'Ganz ehrlich - ich wäre lieber Top-Favorit'

Leon Goretzka bricht im kicker-Interview vom 8. Juni mit der DFB-Underdog-Linie: 'Ich wäre lieber Top-Favorit'. Curacao-Coach Advocaat zählt Deutschland zur WM-Top-4.

Von Lukas Brandt 08. Juni 2026

Leon Goretzka beim DFB-Pokal-Halbfinale in Leverkusen am 22. April 2026. Sechs Wochen später ist der Bayern-Sechser im WM-Camp in Winston-Salem die erste DFB-Stimme, die der Völler-Linie 'keine Top-Favoriten' ein 'Ganz ehrlich, ich wäre lieber Top-Favorit' entgegensetzt (Foto: Zuma Press / Ulrik Pedersen). Foto: Zuma Press / Ulrik Pedersen via SmartFrame

Sechs Tage vor dem WM-Auftakt gegen Curaçao gibt Leon Goretzka im kicker das erste Interview aus dem DFB-Basislager in Winston-Salem. Es enthält die zwei Sätze, an denen sich die DFB-Tonlage in den kommenden Tagen reiben wird. “Ganz ehrlich - ich wäre lieber Top-Favorit”, sagt der Bayern-Sechser im kicker-Interview vom 8. Juni 2026. Und: Das DFB-Team wolle die Fans “zurückgewinnen”. Beide Aussagen brechen in der Akzentuierung mit der Linie, die Rudi Völler elf Tage zuvor in Herzogenaurach gesetzt hat.

Die Quote im Wortlaut

Goretzka hat im kicker zwei Botschaften kombiniert. Die erste betrifft den Status. Er habe “nicht das Gefühl, dass wir in den Kreis der Top-Favoriten gehören”, sagt der 31-Jährige - und schiebt den ungewöhnlich offenen Halbsatz hinterher: “Ganz ehrlich - ich wäre lieber Top-Favorit.” Es sei aber, gemessen an den jüngsten Jahren, “nicht angemessen”, sich selbst zum Titel-Favoriten zu erklären. Die Rolle, die der DFB jetzt habe, sei “nicht schlecht”, und sobald man sie annehme, könne man auch “Kraft daraus ziehen”.

Die zweite betrifft das Verhältnis zu den deutschen Fans. Die “Euphorie, die Nähe zu den Fans und vielleicht die Unterstützung der Fans” sei “nicht mehr so präsent”, sagt Goretzka. Das DFB-Team wolle sich diese Stimmung in den kommenden Wochen “zurückverdienen”. Auch das ist ein Satz, den ein deutscher Nationalspieler zuletzt selten so klar gesagt hat - und der den Stimmungsbefund aus der ARD-Deutschlandtrend-Umfrage zur WM 2026 im Mai bestätigt, in der nur eine Minderheit der Befragten dem DFB einen Titelgewinn zugetraut hatte.

Bruch mit der Völler-Linie - oder ergänzendes Mosaiksteinchen?

Auf der Pressekonferenz am 27. Mai in Herzogenaurach hatte Völler die Erwartungshaltung von außen ausdrücklich gedämpft: keine Zielvorgabe, das DFB-Team gehöre nicht zu den Top-Favoriten, jeder Gegner werde sich aber an Deutschland “die Zähne ausbeißen”. Die Lesart in den Tagen danach war: klassisches Völler-Tonsetting - Dämpfer nach außen, Selbstbewusstsein nach innen.

Goretzkas Quote zieht den Vorhang ein Stück weiter zurück. Inhaltlich stimmt der Bayern-Profi der Einordnung zu - er bestätigt das Selbstbild “nicht Top-Favorit” und liefert mit der Erwähnung der WM 2018 und WM 2022 die Begründung, warum diese Selbsteinordnung trägt. In der Tonlage allerdings öffnet er die Tür, die Völler explizit verschlossen halten wollte: Er räumt offen ein, dass die Rolle des Herausforderers nicht die ist, in der ein DFB-Profi am liebsten in ein Turnier startet. Das ist die andere Hälfte der Wahrheit, die in Herzogenaurach unter dem Familien-Frame von Nagelsmann lag.

Wer die Quote zuspitzt, kann sie als kleinen Riss in der Außenkommunikation lesen. Wer sie ausweitet, sieht eine Ergänzung: Völler nimmt den Druck weg, Goretzka liefert die ehrliche Selbstvermessung. Beides zielt auf denselben Effekt - der Vorrundenkrise von Russland und Katar nicht noch eine dritte hinzuzufügen.

Goretzkas eigene WM-Bilanz: 4 Spiele in 2018 und 2022

Dass diese Selbstvermessung von Goretzka kommt, ist kein Zufall. Der Bayern-Sechser ist einer der Spieler im aktuellen Kader, die beide gescheiterten Vorrunden-Endspiele aus eigener Beobachtung mitgenommen haben. 2018 in Russland stand er gegen Mexiko in der Startelf, 2022 in Katar gegen Spanien. Vier WM-Einsätze in zwei Turnieren, zweimal als Vorrunden-Aus. Das ist das Erfahrungs-Reservoir, aus dem der Satz “Ich wäre lieber Top-Favorit” gespeist wird.

Sportlich sitzt Goretzka 2026 in der berühmten “zweiten Reihe” hinter den jüngeren Anführern - hinter Florian Wirtz, Jamal Musiala, Aleksandar Pavlović. Diese Rollenverteilung war einer der Subplots, die den 26er-Kader bei der Nominierung am 8. Mai 2026 geprägt haben. Goretzka begleitet das öffentlich offen - kein Anspruch auf eine gesetzte Rolle, aber das klare Signal, dass er das Turnier dreht, wenn die Mannschaft ihn ruft.

Counterpoint Advocaat: Der Auftakt-Gegner zählt Deutschland zu den Top-4

Während der DFB-Profi in Winston-Salem den Underdog-Status mit gesundem Realismus annimmt, äußert sich am selben Tag ein interessanter Gegen-Gewährsmann: Dick Advocaat, Trainer des WM-Auftakt-Gegners Curaçao. Im DFB-Liveblog der sportschau sagt der niederländische Routinier, in der Gruppe E sei Deutschland “natürlich klarer Favorit”, und ergänzt mit Blick auf das gesamte Turnier: “Spanien, Frankreich, Deutschland und die Niederlande sind meine Favoriten.” Das ist - aus der Sicht eines neutralen 78-jährigen Trainer-Veteranen - eine deutlich höhere Einordnung, als sie der DFB sich selbst zugesteht.

Dass Advocaat den DFB in seine WM-Top-4 setzt, passt zu seiner taktischen Linie der vergangenen Wochen. Bereits Ende Mai hatte er Curaçaos WM-Vorbereitung als Überraschungs-Mission gegen Deutschland angelegt. Wer im WM-Auftakt überraschen will, braucht den Favoriten-Frame: Eine Niederlage als Außenseiter ist Pflicht, ein Punkt gegen einen Top-4-Anwärter ist Geschichte. Goretzka und Advocaat sprechen dieselbe Sprache von zwei verschiedenen Seiten des Spielfelds.

Was die Quote für den Auftakt am 14. Juni heißt

Operativ ändert die Quote wenig. Goretzka rüttelt nicht am Tonlage-Setting, das Bundestrainer Julian Nagelsmann am DFB-Basislager in Winston-Salem seit Sonntagvormittag etabliert: kurzer Horizont, eine Trainingseinheit nach der anderen, der Curaçao-Auftakt zuerst. Auch die Personalfrage rund um den Karl-Ausfall steht weiter im Vordergrund - Leroy Sané hat sich in 72 Stunden vom Bankkandidaten zum gesetzten WM-Stammspieler entwickelt.

Was sich verschiebt, ist die emotionale Frame-Setzung. Goretzkas Quote macht den Underdog-Status zum gemeinsamen Projekt mit den Fans - “wir holen euch zurück”, lautet die Subzeile zwischen den Sätzen. Das ist eine andere Tonlage als der defensive Erwartungsabbau eines Sportdirektors. Sie hat das Potenzial, der Mannschaft im Auftakt am Sonntag emotional zu helfen - vor allem dann, wenn das NRG Stadium in Houston um 19:00 Uhr MESZ mit der ersten 90-Minuten-Bewährungsprobe eines DFB-Teams unter neuem Vorzeichen voll wird.

Sechs Tage bis zum Anstoß, sechs Tage, in denen aus dieser einen Goretzka-Quote noch eine Mannschaftsbotschaft werden kann. Wer Deutschland aus realistischer Sicht im Favoritenrennen verortet, weiß: Die Tonlage entscheidet selten den Auftakt - aber sie bestimmt, mit welchem Gefühl Spieler und Fans in das K.-o.-Risiko Curaçao gehen.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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