Klinsmann zur WM 2026: 'Politik ist auf dem Spielfeld fehl am Platz'
Juergen Klinsmann ueber die WM 2026 im Sportschau-Interview: Trump-Politik, DFB-Titelchance, USA-Team und seine 30 Jahre Wahlheimat Kalifornien.
Von Lukas Brandt 06. Juni 2026
Sechs Tage vor dem WM-Eroeffnungsspiel hat sich Juergen Klinsmann in einem ausfuehrlichen Sportschau-Interview zur WM 2026 geaeussert - und gleich mehrere der heissesten Debatten der vergangenen Wochen kommentiert. Der 61-jaehrige Weltmeister von 1990, frueher Bundestrainer und Co-Gastgeber-Insider (US-Bundestrainer 2011 bis 2016) hat dabei klare Worte zur Politik-Debatte gefunden, der DFB-Elf den Titel zugetraut und dem US-Team das Viertelfinale prognostiziert. Das Gespraech mit Ingo Zamperoni erschien am 6. Juni 2026.
”Eine einzige Schlacht” - die Trump-Erinnerung aus Klinsmanns USA-Zeit
Klinsmann lebt seit fast 30 Jahren in Kalifornien. Er kennt die Rolle des Fussballs in den USA wie kaum ein zweiter deutscher Fussball-Funktionaer, und er kennt die Wirkung politischer Rhetorik aus erster Hand. Im Sportschau-Interview erinnert er an seine Zeit als US-Bundestrainer waehrend Donald Trumps erster Amtszeit: Die Rhetorik um den Bau einer Mauer zu Mexiko habe die Stimmung bei US-Mexiko-Spielen so vergiftet, dass aus dem Sport “eine einzige Schlacht” geworden sei.
Daraus zieht Klinsmann eine klare Linie: “Irgendwelche Botschaften, die mit der Fussball-WM selbst gar nichts zu tun haben, sind absolut fehl am Platz.” Spieler haetten einen Job, naemlich “erfolgreich Fussball zu spielen”. Politische Statements liessen sich “auch noch vor oder nach dem Turnier machen, aber nicht waehrend”. Damit nimmt Klinsmann eine deutlich andere Position ein als etwa die Sport- und Menschenrechts-Allianz, deren WM-2026-Report wir in unserem Bericht zum Klima der Angst eingeordnet haben. Auch der enge Schulterschluss zwischen Infantino und Trump duerfte einer der Gruende sein, weshalb Klinsmanns Mahnung an die Spieler bei der DFB-Generalprobe in Chicago nochmal Gehoer findet.
Warum Klinsmann der DFB-Elf den Titel zutraut
Klinsmann ist optimistisch fuer das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Der Kader habe genug Qualitaet, um zu den Favoriten zu zaehlen. Wichtig sei vor allem die Befreiung von der juengeren WM-Vergangenheit: Die Mannschaft solle “alles, was in Katar und in Russland passiert ist, vergessen machen”. Eine Anspielung auf die Vorrunden-Aus 2018 in Russland und 2022 in Katar, die im DFB-Selbstverstaendnis bis heute nachwirken.
Konkrete Namen nennt er nicht, doch zwischen den Zeilen passt die Bewertung zur DFB-Aufstellung, mit der Nagelsmann am Samstagabend in Chicago zur Generalprobe gegen die USA antritt. Wie unser Bericht zum WM-Auftakt der DFB-Elf gegen Curaçao am 14. Juni 2026 zeigt, beginnt das deutsche Turnier mit drei Vorrunden-Spielen in den USA und Kanada - in einer Gruppe, die Klinsmanns Titel-Optimismus stuetzt.
Klinsmann ueber das USA-Team: “auf jeden Fall ins Viertelfinale”
Mit dem Co-Gastgeber tritt Klinsmann fast amtierend auf. Er habe das US-Team 2014 in Brasilien ins Achtelfinale gefuehrt; das Niveau habe sich seither sichtbar veraendert. Heute laufen “Champions-League-Spieler” fuer die USA auf - eine Konstellation, die es in der US-Soccer-Geschichte zuvor nicht gegeben habe. Sein Tipp: “Ich denke, dass sie es auf jeden Fall ins Viertelfinale schaffen koennen.”
Die USA bei der WM 2026 starten am 12. Juni 2026 in Inglewood gegen Mexiko - jener Klassiker, den Klinsmann selbst als Sinnbild fuer die Politisierung des Spielfelds anfuehrte. Klinsmanns Co-Trainer-Erfahrung schlaegt sich auch in seiner Einschaetzung nieder, dass die USA von der heutigen Spieler-Generation profitieren werden. Wer Pulisic, Balogun, Dest, Reyna heute in Klubrollen sieht, kennt das Niveau.
Die WM im Wahlheimatland - was den Schwaben antreibt
Persoenlich klingt Klinsmann im Interview entspannt, fast euphorisch: “Es ist schon was ganz Besonderes, so eine Weltmeisterschaft in dem Land zu haben.” Er beschreibt die USA als “Melting-Pot”, in dem Millionen den Sport leidenschaftlich verfolgten. Soccer sei in den USA “substanziell” gewachsen - eine Beobachtung, die er aus dem Alltag schoepfen kann.
Klinsmann betont, dass die WM 2026 auf eine US-Generation treffe, die Soccer als Mainstream-Sport empfinde. Dass die 16 Stadien quer ueber den nordamerikanischen Kontinent ausgelastet sein werden, daran besteht in der amerikanischen Sportoeffentlichkeit kein Zweifel mehr. Wir haben die Logistik und die Reise-Hinweise fuer deutsche Fans auf der Seite USA-Reise zur WM 2026 gebuendelt.
Einordnung: Klinsmanns Position im Politik-Streit
Klinsmanns Auftritt ist nicht ohne Risiko. Mit seinem Plaedoyer, Politik aus dem Stadion herauszuhalten, positioniert er sich gegen prominente kritische Stimmen aus der Sport- und Menschenrechtsszene, die sich seit Monaten an den Visa-Affaeren, Einreise-Verboten und Antisemitismus-Vorwuerfen rund um die WM-Gastgeber abarbeiten. Klinsmanns Argument bleibt pragmatisch: Auf dem Spielfeld zaehle das Spiel. Wer sich engagieren wolle, habe das Turnier-Umfeld dafuer.
Wie eng die Verbindung zwischen FIFA und US-Regierung ist - und wie die FIFA selbst auf politische Bezuege rund um Stadien reagiert - laesst sich an unserem Vergleich zu Infantino und Trump ablesen. Klinsmann gehoert nicht zu denen, die diese Naehe oeffentlich kritisieren. Er argumentiert vom Spielfeld her - was bei einem WM-Sieger 1990, der seit Jahrzehnten in den USA lebt, eine Logik hat, die andere Stimmen so nicht haben.
Wer auf die DFB-Titelchancen blickt, findet bei uns die WM-Prognose 2026 - inklusive Quoten-Vergleich und der Diskussion, warum mehrere Buchmacher das deutsche Team unter den Top-Acht-Favoriten fuehren.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.