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DFB-Team

Julian Nagelsmann, WM-Neuling mit 38: mit Curaçao beginnt das Turnier seines Lebens

Mit 38 ist Julian Nagelsmann jüngster WM-Bundestrainer der DFB-Geschichte. Karrierebogen, Titelbilanz und was die WM 2026 für ihn persönlich bedeutet.

Von Lukas Brandt 10. Juni 2026

Bundestrainer Julian Nagelsmann am 16. November 2025 in Leipzig vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei. Sieben Monate später ist er mit 38 Jahren der jüngste WM-Bundestrainer in der DFB-Geschichte (Foto: Actionpress). Foto: Actionpress via SmartFrame

Einen Tag vor dem WM-Eröffnungsspiel und vier Tage vor dem DFB-Auftakt gegen Curaçao steht im DFB-Quartier am Wake-Forest-Campus in Winston-Salem ein Trainer im Mittelpunkt, der diese Endrunde noch nie aus der Bundestrainer-Perspektive erlebt hat: Julian Nagelsmann, geboren am 23. Juli 1987 in Landsberg am Lech, ist mit 38 Jahren der jüngste Bundestrainer, der je ein WM-Endrundenturnier für die DFB-Auswahl geleitet hat.

Zur Einordnung: Otto Nerz war bei der WM 1934 in Italien 41, Sepp Herberger 1938 in Frankreich ebenfalls 41, Franz Beckenbauer 1986 in Mexiko 40. Selbst der Generationenwechsel-Beckenbauer der 80er fängt nicht so jung an wie der Nagelsmann der 2020er. Was diesen Trainer auf die DFB-Bank gebracht hat, ist eine Karriere, die mit einem abrupten Knock-out begann.

Vom Knie-Knockout zur ersten Bundesliga-Bank

Spielerkarriere: Augsburg-Reserve und TSV 1860 München-Nachwuchs, Knorpel- und Meniskusprobleme, mit 20 Jahren das Ende. Trainerkarriere: zunächst als Co-Trainer im Jugendbereich, parallel ein Sportwissenschafts-Studium. Augsburg-Jugend, 1860-U17, Hoffenheim-U17, später U19. 2014 gewann er als A-Junioren-Trainer mit Hoffenheim die Deutsche Meisterschaft - der erste Titel auf der Visitenkarte.

Am 11. Februar 2016 übernahm er die TSG 1899 Hoffenheim als Cheftrainer der Profis. 28 Jahre alt, Bundesliga-Tabellenkeller, drei Punkte aus Hoffenheimer Sicht relativ aussichtslos. 23 Punkte aus 13 Spielen später war der Klassenerhalt gesichert; eine Statistik, die in der Vereinschronik bis heute als das Comeback unter dem jüngsten Hauptamtlichen-Bundesliga-Trainer aller Zeiten geführt wird.

Hoffenheim, Leipzig - der Aufstieg vom Krisentrainer zum Champions-League-Halbfinalisten

Es folgte das, was die Bundesliga-Tabelle als Sprung notiert. 2016/17 Vierter und damit erste Champions-League-Qualifikation der Vereinsgeschichte. 2017/18 Dritter mit direktem CL-Einzug. 2018/19 Neunter, Vertragsende, Wechsel angekündigt: zu RB Leipzig.

2019/20 in Leipzig: dritter Bundesliga-Platz, Champions-League-Halbfinale mit Siegen über Tottenham Hotspur und Atlético Madrid, K.-o. dann gegen Paris Saint-Germain. Das ist bis heute Nagelsmanns größtes europäisches Resultat. 2020/21: erneut Platz drei, Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund. Mit zwei Spielzeiten Leipzig im Lebenslauf wechselte Nagelsmann im Sommer 2021 für eine vereinbarte Ablöse von rund 25 Millionen Euro zum FC Bayern - einer der teuersten Trainertransfers in der Bundesliga-Geschichte.

Bayern 2021-2023: eine Meisterschaft, dann die Entlassung

Der Einstand in München konnte kaum freundlicher sein: DFL-Supercup 2021 im August gegen Borussia Dortmund. In der Saison 2021/22 folgte die Deutsche Meisterschaft - die zehnte in Serie für Bayern. Begleitet wurde sie von Schatten: ein 0:5 in der zweiten DFB-Pokal-Runde gegen Borussia Mönchengladbach, ein Champions-League-Viertelfinal-Aus gegen den FC Villarreal. 2022/23 war Bayern Herbstmeister, gewann alle sechs CL-Gruppenphasenspiele - und dennoch entschied der Aufsichtsrat am 24. März 2023 in der Länderspielpause die Trennung.

Die offizielle Begründung von Vereinspräsident Oliver Kahn: Die Qualität des Kaders sei zuletzt zu selten zur Geltung gekommen, die Leistungsschwankungen hätten Ziele über die laufende Saison hinaus infrage gestellt. Verbandsintern las sich die Trennung als Kursdebatte - die nackten Tabellenzahlen, ein Bundesliga-Punkteschnitt jenseits der 2,0 pro Spiel über zwei Spielzeiten, gaben die Entscheidung allein nicht her.

DFB seit September 2023: Heim-EM, Vertrag bis 2028, jetzt USA

Ende September 2023 übernahm Nagelsmann beim DFB als Nachfolger von Hansi Flick. Bei seiner Vorstellung am Verbandscampus war er 36 Jahre alt - der zweitjüngste Bundestrainer der DFB-Geschichte bei Amtsantritt, nur Otto Nerz war 1926 mit 34 noch jünger. Der erste Vertrag lief zunächst bis zur Heim-EM 2024 mit Sonderklausel: bei einem Vorrunden-Aus hätte sich der Verband ohne Abfindung trennen können.

Es kam anders. Die Heim-EM 2024 endete für die DFB-Auswahl im Viertelfinale mit der 1:2-Niederlage nach Verlängerung gegen Spanien - sportlich akzeptabel, stimmungstechnisch eine Befreiung. Im April 2024 verlängerte der DFB Nagelsmanns Vertrag bis zur WM 2026, am 24. Januar 2025 schob er die Verlängerung vorzeitig bis EM 2028 nach. Damit ist Nagelsmann der erste DFB-Trainer seit Joachim Löw, der eine komplette Turnier-Doppelschleife planen darf.

”Mittelprächtig” - die Titelbilanz und die Reputationsfrage

Die Titel-Visitenkarte im Männerbereich: 1 Meisterschaft, 2 DFL-Supercups. Bei drei der größten Adressen im deutschen Klubfußball plus Bundestrainer-Amt ist das, je nach Sichtweise, “mittelprächtig” (sportschau am 9. Juni) oder ein Hinweis auf das Spannungsverhältnis zwischen Trainer-Reputation und Trophäenschrank.

Reputation: Nagelsmann gilt seit Hoffenheim als Taktik-Vordenker. Asymmetrische Aufstellungen, Dreierketten, die im Ballbesitz zu Viererketten werden, individualisierte Pressing-Trigger pro Spieler. Wer sich in Bundestrainer-Talks der vergangenen Monate mit ihm darüber unterhalten hat, kommt mit dem Eindruck zurück, dass die Tafelbilder hinter der Bandenwerbung in Frankfurt detaillierter sind, als das öffentliche Coaching-Bild es vermuten lässt.

Gleichzeitig läuft seit Frühjahr 2026 die Debatte um Außenwahrnehmung und Kommunikation - mit Uli Hoeneß als wiederkehrendem Stichwortgeber, einem NDR-Kommentar zum 21.-Mai-Kader und einer öffentlichen Erwartungssortierung, an der sich auch Rudi Völlers Pressekonferenz im WM-Quartier am Dienstag abarbeitet.

Was diese WM 2026 für Nagelsmann persönlich ist

Es ist die erste WM-Endrunde seiner Trainerkarriere überhaupt. Vor 2026 standen drei Klubstationen, die EM 2024 als Cheftrainer, eine WM-Qualifikation - aber kein WM-Turnier mit allem, was dazugehört: fünf Wochen im Quartier, drei Gruppenspiele und im Idealfall vier K.-o.-Runden, Time-Zone-Switches im Achtelfinal-Drittel zwischen US-Atlantik und US-Pazifik, Eindampfungsphasen mit 26 Spielern auf engem Raum.

Im engsten Kreis um den Bundestrainer arbeiten Co-Trainer Benjamin Glück (seit Hoffenheim an seiner Seite) und Sandro Wagner, plus Torwarttrainer Andreas Kronenberg und Sportdirektor Rudi Völler - das vollständige Tableau steht im DFB-Trainerstab-Überblick zur WM 2026. Den finalen 26er-Kader hat Nagelsmann am 21. Mai in Frankfurt nominiert. Kapitän bleibt Joshua Kimmich, der mit Jahrgang 1995 nur sieben Jahre jünger ist als sein Bundestrainer.

Im Sportsprache-Vokabular ist das die Größenordnung: Erster WM-Auftritt eines Bundestrainers, der zur eigenen Spielergeneration einer 26er-Kabine gehört. Wo Beckenbauer 1986 als “Teamchef” auf einen Generationenabstand zu seinen Spielern zurückgreifen konnte, beginnt Nagelsmann die Endrunde mit einer Mannschaft, die ihn aus den Klub-Kabinen kennt: Kimmich, Goretzka, Neuer, Sané, Wirtz, Musiala - alle vier in München, fast alle in den DFB-Lehrgängen unter seiner Hand seit Herbst 2023.

Was darüber entscheiden wird, ob diese WM die “mittelprächtige” Titelbilanz korrigiert, beginnt am 14. Juni um 19:00 Uhr MESZ im NRG Stadium in Houston: das Auftakt-Match gegen Curaçao, danach Elfenbeinküste in Toronto und Ecuador in New York. Nagelsmanns erstes WM-Turnier in Zahlen - mindestens drei Gruppenspiele, höchstens sieben Turnier-Spiele. Wer den 38-Jährigen am Mittwoch in der ersten Trainer-PK des Quartiers vor die Mikros lässt, bekommt vermutlich beides zu hören: den Taktik-Vordenker und den Bundestrainer, der weiß, dass die nächsten fünf Wochen ein Kapitel sind, das in seiner Vita bislang fehlt.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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