Völler eröffnet die DFB-PK-Serie in Winston-Salem: kein Lagerkoller, Neuer fit, Frust über Artans Visa-Absage
DFB-Sportdirektor Völler eröffnet am 9. Juni 2026 in Winston-Salem die WM-PK-Serie: kein Lagerkoller, Neuer fit, klare Worte zur Artan-Visa-Absage.
Von Lukas Brandt 10. Juni 2026
Vier Tage vor dem WM-Auftakt gegen Curaçao tritt Rudi Völler am Dienstagnachmittag Ortszeit im Pressezelt der Wake Forest University in Winston-Salem vor die Mikrofone. Solo. Erste DFB-Pressekonferenz im WM-Quartier, gleichzeitig der Auftakt einer Serie, die sich in den nächsten Wochen durch Trainer, Kapitän und ausgewählte Spieler wechselt. Die Tonlage des Sportdirektors: locker, gelegentlich anekdotenhaft, an den Reizpunkten klar, aber ohne Druckanspruch.
Wer am 9. Juni 2026 zwischen Anekdoten und Botschaften sortiert, bekommt drei DFB-Lagebilder gleichzeitig - eines zur Stimmung im Quartier in Winston-Salem, eines zum sportlichen Status und eines zur politischen Begleitlage der ersten WM auf US-Boden seit 1994. Genau in diesem Mosaik liegt der Unterschied zur ersten gemeinsamen PK in Herzogenaurach am 27. Mai: Damals ging es um die innere Geschlossenheit (“Familie”) und das öffentliche Erwartungsmanagement (“keine Top-Favoriten”). In Winston-Salem geht es um das, was rund um die Mannschaft passiert.
”Es gibt keinen Lagerkoller mehr” - die Stimmungsfrage und das Internet-Argument
Die Frage liegt klassisch auf dem Tisch: Fünf Wochen Trainingslager, drei Gruppenspiele, im Idealfall vier K.-o.-Runden danach - droht der DFB-Auswahl in einer überschaubaren Campus-Anlage in North Carolina nicht doch irgendwann der berüchtigte Lagerkoller? Völler beantwortet sie mit einem Generationenargument: “Es gibt keinen Lagerkoller mehr. Man ist immer mit zu Hause verbunden.” Er zieht die Linie zu seiner eigenen Spielerzeit, zur WM 1990 in Italien und zur WM 1994 in den USA: Damals “hatten wir kein Internet, kein Handy”, lange Abende ohne Beschäftigung, Briefe statt Video-Calls. Heute laufe die Kommunikation der Spieler mit Partnerin, Kindern und Eltern parallel zur Trainingsroutine.
Hinter der Anekdote steht die operative Botschaft: Die DFB-Spitze hat das Quartier “The Graylyn Estate” plus den Wake-Forest-Campus bewusst eng geplant. Trainingsplätze in Gehweite, 3.000-Plätze-College-Arena mit eigenem Naturrasen, abgeschirmtes Press-Areal - alles auf einem Gelände. Wer Lagerkoller-Verdacht hege, sagt Völler, möge sich daran erinnern, dass eine Mannschaft in 2026 keine Insel mehr sei, sondern ein durchgehend vernetzter Betrieb.
Frust über die Artan-Visa-Absage - “Das war nicht die letzte Geschichte”
An die wichtigste politische Frage geht Völler ohne Umschweife. Dem somalischen FIFA-Schiedsrichter Omar Artan war die Einreise in die USA verweigert worden - er wird die WM nach jetzigem Stand nicht pfeifen können. Auf die Reaktion des DFB-Sportdirektors angesprochen, sagt Völler: “Ich hätte es auch gerne anders gehabt. Das ist nicht schön.” Und dann der Satz, der in den deutschen Sportredaktionen am Abend zitiert wird: “Mein Bauchgefühl sagt mir, das wird nicht die letzte Geschichte gewesen sein.”
Eine eigene DFB-Initiative kündigt der Sportdirektor nicht an. Auf die Nachfrage, ob der Verband sich öffentlich hinter die iranische Fans-Frage stellen wolle, deren Tickets vom US-Verband zurückgezogen wurden, antwortet Völler kurz: “Nein, brauchen wir nicht.” Der Hinweis, dass die DFB-Delegation eine Sache der UEFA und der FIFA sei und das Verhalten des US-Gastgebers zwischen den Verbänden auf höherer Ebene geklärt werden müsse, schwingt mit. Die politische Begleitlage der USA-Reise wird der DFB nicht zum eigenen Thema machen - aber er kommentiert sie, wenn er gefragt wird.
”Wir werden schwierig zu schlagen sein” - kein konkretes Turnierziel, ein klarer Selbstanspruch
Eine konkrete Zielvorgabe gibt Völler in Winston-Salem nicht aus - sein Satz aus Herzogenaurach, das DFB-Team gehöre “nicht zu den Top-Favoriten”, bleibt unwidersprochen. Wohl aber liefert er den Selbstanspruch nach: “Wir werden schwierig zu schlagen sein.” Übersetzt: Halbfinale oder Finale stehen nicht offiziell auf der Verbandsagenda, sportliche Konsequenz und ein anspruchsvoller Gegnerwiderstand schon.
Bemerkenswert ist die Bemerkung zum Quartier selbst. “Das Trainingszentrum wird niemals eine Entschuldigung sein”, sagt Völler - ein Hinweis darauf, dass die Standortwahl Winston-Salem, gegen die Alternativen Atlanta-Region und Tampa-Region im Sommer 2025 entschieden worden war, bei einer eventuellen Schwächephase im Turnier nicht zum Sündenbock werden soll. Wer Erinnerungen an die Auswertungen nach Katar 2022 wachruft, in denen die abgeschottete Anlage in Al-Shamal eine prominente Rolle spielte, versteht den Satz.
Neuer-Update, Wirtz und Musiala - die sportlichen Botschaften
Auf das wichtigste Personalthema antwortet Völler in einem Satz. Er sei “überhaupt nicht beunruhigt”, dass Manuel Neuer beim USA-Test in Chicago am 6. Juni nicht mitspielen konnte. Mit der ersten kompletten Mannschaftseinheit im Spry Stadium am Montagabend Ortszeit habe der Kapitän die entscheidende Belastungshürde genommen. Die Stammtorwart-Frage gegen Curaçao gilt damit faktisch als geklärt.
Auf Florian Wirtz und Jamal Musiala angesprochen, antwortet Völler in der typischen Tonlage des Verbandsspitzen-Backings: Beide würden “ein gutes Turnier spielen”, die Kombination der beiden im hochzentralen Raum sei “der Schlüssel” für die deutsche Offensive im Auftakt-Match. Eine Aufstellungs-Andeutung ist das nicht, eher ein öffentlicher Erwartungsanker - die letzte Entscheidung über die Startformation gegen Curaçao wird Nagelsmann am Mittwoch oder Donnerstag kommunizieren. Vorher steht am Mittwoch noch der Form-Check der DFB-Optionen im Sportschau-Update an.
Mexiko-Anekdote, David-Raum-Lacher, O. J. Simpson - Völlers PK-Stil
Der Sportdirektor liefert noch zwei Anekdoten, die nicht zentral sind, aber die Tonlage erklären. Erstens: 1986 hatte Völler als Spieler an einer DFB-Charity-Aktion in Mexiko teilgenommen, ein Waisenhaus-Besuch. Mit Verweis darauf kündigt der Verband für den 16. Juni 2026 eine Spendenübergabe von 80.000 US-Dollar an zwei Bildungsprojekte an. Zweitens: Auf einen Hinweis aus dem Pressepool, in Online-Suchergebnissen tauche der Name “Völler” gemeinsam mit Stürmer Nick Woltemade auf, witzelt der Sportdirektor mit Blick auf seinen Haaransatz, die Ähnlichkeit habe sich “etwas relativiert”.
Und drittens: 1994. Auf seine eigene WM in den USA angesprochen, schiebt Völler eine Erinnerung an die TV-Berichterstattung jener Tage ein. Die habe sich nicht um die DFB-Auswahl, sondern um die “Polizeiverfolgung von O. J. Simpson” gedreht, die quer durch Los Angeles übertragen wurde. Eine kleine Spitze gegen die Aufmerksamkeitsökonomie der Endrunde - und ein Hinweis darauf, dass der DFB-Sportdirektor weiß, dass die nächsten fünf Wochen nicht nur sportlich entschieden werden.
Wie es ab Mittwoch in Winston-Salem weitergeht
Die PK-Reihe im Pressezelt am Wake-Forest-Campus läuft jetzt im Tagesrhythmus. Am Mittwoch, 10. Juni, übernimmt Julian Nagelsmann die Lage-PK mit Auftakt-Schwerpunkt. Für Donnerstag ist ein Block mit Manuel Neuer vorgesehen, am Freitag die Offensiv-Spieler um Wirtz, Sané und Musiala. Parallel laufen die Trainingseinheiten im W. Dennie Spry Soccer Stadium weiter, eine davon erneut öffentlich gemäß der FIFA-Vorgabe von einer offenen Einheit pro Vorbereitungswoche.
Was Rudi Völler am Dienstag aus Winston-Salem geliefert hat, ist also weniger eine einzelne Botschaft als die Eröffnungssequenz eines Turnier-Storyboards. Lagerkoller-Frage abgeräumt, Artan-Frage benannt, Iran-Frage zurückgewiesen, Neuer-Frage entspannt, Spende angekündigt, 1994er-Anekdote eingestreut. Für eine erste PK im WM-Quartier ist das ein dichtes Paket - und ein klarer Hinweis darauf, dass der DFB-Sportdirektor in den nächsten Wochen vor allem eines bleiben will: ansprechbar, ohne sich verheddern zu lassen.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.