Sammer bietet DFB Hilfe an: 'Zukunft unseres Fussballs steht auf dem Spiel'
Matthias Sammer bietet dem DFB in einem Zeit-Interview vom 23.07.2026 Hilfe an: 'Ich habe den beiden wichtigsten Vertretern signalisiert, dass ich bereit bin.'
Von Lukas Brandt 23. Juli 2026
▍ DFB-UMBRUCH · 23.07.2026 · 12:37 UHR - Einen Tag vor der fuer Freitag angesetzten Bundestrainer-Vorstellung meldet sich mit Matthias Sammer einer der einflussreichsten deutschen Fussball-Ratgeber in eigener Sache. In einem am Donnerstag in der Wochenzeitung Die Zeit veroeffentlichten Interview positioniert sich der 58 Jahre alte Europameister von 1996 und ehemalige DFB-Sportdirektor mit zwei Kernsaetzen: einer Zustandsdiagnose und einem Angebot. “Die Zukunft unseres Fussballs steht auf dem Spiel”, sagt Sammer. Und: “Ich habe den beiden wichtigsten Vertretern des DFB signalisiert, dass ich bereit bin, unserem Fussball inhaltlich zu helfen.”
Der Zeit-Peg trifft in einen bereits laufenden Fluss. Berti Vogts hatte in zwei Kolumnen der Rheinischen Post am 6. und 13. Juli 2026 Sammer als “perfekte Ergaenzung” fuer den kommenden Bundestrainer Juergen Klopp ins Gespraech gebracht. Sammers Zeit-Interview lasst sich als Antwort auf diese oeffentliche Empfehlung lesen - und als Signal an das DFB-Fuehrungsduo, das den Umbruch nach dem WM-Aus im Achtelfinale gegen Paraguay verantwortet.
Zeit-Interview 23.07.: die zwei entscheidenden Zitate
Die Kernsubstanz des Zeit-Gespraechs liegt in zwei Passagen. Die eine ist die Zustandsbeschreibung: Sammer spricht davon, dass das Kaempfen “wichtiger ist als die B-Note fuer die Schoenheit des Spiels”, dass eine Mannschaft bereit sein muesse zu sagen, das Ergebnis koenne “beschissen aussehen”, die Aufgabe sei aber, den Gegner zu ueberwinden. Der DFB muesse aufhoeren, sich seiner traditionellen Staerken zu schaemen, und sich von flachen Hierarchien loesen: Es brauche wieder “echte Fuehrung”.
Die zweite Passage ist das Angebot. Sammer signalisiert Bereitschaft, wortwoertlich: “inhaltlich zu helfen”. Er beansprucht dabei kein Amt, ruft nicht nach einer Rueckkehr in seine alte Rolle als Sportdirektor - eine Position, die er von 2006 bis 2012 unter Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach innehatte - sondern positioniert sich als offener Ratgeber. Es ist die vorsichtigere Formulierungsvariante eines Angebots, das er in aehnlicher Form bereits nach dem WM-Aus 2022 einmal gemacht hatte, damals explizit unter Ausschluss einer formalen Rueckkehr.
Neuendorf und Watzke: wem Sammer signalisiert hat
Die Formulierung “die beiden wichtigsten Vertreter des DFB” laesst wenig Interpretationsspielraum. Operativ steuern zwei Personen den DFB durch den Umbruch: Praesident Bernd Neuendorf und Vizepraesident Hans-Joachim Watzke, der zugleich Vorsitzender des DFL-Aufsichtsrats ist. Beide sassen am 11. Juli am New Yorker JFK-Airport in dem vierstuendigen Verhandlungsgespraech mit Klopp, das die wesentlichen Eckpunkte des Klopp-Vertrags klaerte. Beide zeichnen den DFB-Umbau-Kurs mit Watzke als ‘Klopp-Macher’ verantwortlich.
Dass Sammer sich an dieses Duo wendet, statt an eine Sportleitungs-Ebene weiter unten, ist die eigentliche Botschaft. Der Interview-Auftritt ist damit weniger ein Bewerbungsschreiben als eine Adress-Meldung: Sammer benennt oeffentlich, dass er den Direkt-Draht zu Neuendorf und Watzke bereits selbst hergestellt hat.
Die Vogts-Kolumnen-Chain: Rheinische Post 6.07. und 13.07.
Ohne die Vogts-Kolumnen waere das Sammer-Interview eine leise Positionierung. Mit ihnen wird es zur Antwort in einem laufenden oeffentlichen Gespraech. Berti Vogts, 79 Jahre alt, Weltmeister-Kapitaen 1974 und Europameister-Trainer 1996, hatte am 6. Juli 2026 in seiner Rheinische-Post-Kolumne geschrieben: “Matthias waere die perfekte Ergaenzung, je mehr Kompetenz da ist, desto besser.” Klopp und Sammer beschreibt er darin als zwei “starke Fussballpersoenlichkeiten, die sich in der Vergangenheit gern mal gerieben haben” - Sammer koenne Klopp “den Ruecken freihalten”.
In der zweiten Kolumne am 13. Juli 2026 ordnete Vogts die Sammer-Idee in ein groesseres Problem-Bild ein: Er sieht die “Qualitaet der Trainer” als Ursache fuer den Zustand des deutschen Fussballs und schlaegt vor, den Zugang zum Trainerjob fuer gestandene Nationalspieler zu erleichtern. Sammer sei dafuer die “starke Persoenlichkeit an seiner Seite” fuer Klopp - “nicht genuegend frueherer DFB-Topspieler” engagierten sich derzeit vergleichbar.
Zwei Kolumnen - dann die Zeit-Antwort. In der Choreografie der oeffentlichen Rats-Empfehlung ist die Reihenfolge auffaellig sauber.
Sammer ueber Klopp: ‘genau der Richtige’
Der zweite Bogen des Zeit-Interviews ist die Rueckenstaerkung fuer Klopp. Sammer nennt den kommenden Bundestrainer “genau den Richtigen fuer diese Position” und begruendet das mit “Physis und hohem Tempo”, einer “klaren Spielphilosophie” und “Aura und Autoritaet”. Dass Sammer das ausspricht, ist historisch nicht selbstverstaendlich: Als Bayern-Sportvorstand und Klopp-Widersacher in der Ende-Nuller- und Anfang-Zehner-Jahren war Sammer regelmaessig in oeffentlichen Spitzen gegen Dortmund unter Klopp verwickelt. Die alte Rivalitaet ist damit im Zeit-Interview aktenkundig auf Eis gelegt.
Das Klopp-Endorsement verschiebt zugleich den Kontext des Sammer-Angebots. Die Frage ist nicht mehr, ob Sammer den neuen Bundestrainer akzeptiert - sondern wo eine Sammer-Rolle strukturell in den neuen Trainerstab um Krawietz, Lijnders und Bender und die neue Sport-Geschaeftsfuehrer-Personalie Mertesacker andocken koennte.
Hannes Wolf und die Nachwuchs-Strasse
Der dritte inhaltliche Punkt im Zeit-Interview ist DFB-Nachwuchsdirektor Hannes Wolf. Sammer sieht den 45-Jaehrigen “im Nachwuchs richtig aufgestellt” und lobt Wolfs neue Ausbildungs-Spielformen, die “wieder dem Strassenfussball aehneln” - kleine Felder, viele Ballaktionen, hoher Wiederholungswert. Wolf hatte den DFB-Direktor-Nachwuchs im Sommer 2024 uebernommen und 2025 ein neues Spielformen-Konzept vorgestellt, das an das schwedische Skillzone-Modell und die englischen Foundation-Phase-Ansaetze anknuepft.
Der Sammer-Wolf-Bezug ist inhaltlich anschlussfaehig an den Klopp-DFB-Kurs. Klopp hatte in seinen ersten Interviews nach der Freigabe durch RB-CEO Oliver Mintzlaff die Nachwuchs-Ebene als zweite Saeule seiner DFB-Arbeit benannt. Sammer legt sich damit auf die Achse Klopp plus Wolf als konstruktives Grundgeruest fest - und positioniert sich als Multiplikator dieses Kurses.
24.07. Frankfurt: die naechste Etappe
Der harte Termin bleibt Freitag, 24. Juli 2026, in Frankfurt am Main. An diesem Tag wird Juergen Klopp offiziell als Bundestrainer vorgestellt, der Trainerstab benannt und Per Mertesacker als moeglicher Sport-Geschaeftsfuehrer thematisiert. Eine Sammer-Rolle wird an diesem Freitag nicht offiziell verkuendet - das war weder Teil des JFK-Airport-Deals noch der DFB-Mitteilung ueber die ‘wesentlichen Eckpunkte’ vom 11. Juli.
Der Zeit-Interview-Peg hat einen anderen Zweck. Sammer positioniert sich vor der Klopp-Vorstellung so, dass eine spaetere Ergaenzung im Herbst - als Berater, als Aufsichts-Figur, als struktureller Ratgeber - nicht mehr als Ueberraschung wirken wuerde. Er verschiebt die oeffentliche Wahrnehmung von “moeglich” auf “vorbereitet”. Nach dem Klopp-Nagelsmann-Wechsel und den ersten Innensichten aus der WM-Kabine wie dem Kimmich-Instagram-Post laeuft im DFB-Umfeld der deutschen Nationalmannschaft damit die naechste Runde der oeffentlichen Rats-Empfehlungen. Neuendorf und Watzke haben am Freitag die erste Antwort - und mit Sammer im Hintergrund fruehestens im September, wenn Klopp mit dem Nations-League-Auftakt gegen die Niederlande in Amsterdam die erste sportliche Bewaehrungsprobe zu bestehen hat, die zweite.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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