Neuer trainiert erstmals mit dem DFB-Team in Winston-Salem - Spry Stadium ausverkauft
Manuel Neuer steht am 8. Juni 2026 erstmals seit der Anreise mit der DFB-Elf auf dem Platz. Im Spry Stadium Winston-Salem feiern 3.000 Fans den Kapitän.
Von Lukas Brandt 09. Juni 2026
Es ist der Trainings-Moment, auf den die DFB-Anhänger seit der PK in Chicago am 5. Juni gewartet haben. Am Montagabend Ortszeit, 18:00 Uhr Eastern Time (00:00 Uhr MESZ in der Nacht zu Dienstag), steht Manuel Neuer im W. Dennie Spry Soccer Stadium auf dem Campus der Wake Forest University in Winston-Salem erstmals seit der Anreise in die USA mit der kompletten DFB-Elf auf dem Platz. 3.000 Fans, gemeinhin die exakte Sitzplatzkapazität des College-Stadions, feiern den Kapitän bei jedem Ball-Auswurf. T-5 zum WM-Auftakt gegen Curaçao am 14. Juni in Houston.
Was Neuer am Montagabend im Spry Stadium zeigte
Die Bilanz aus Chicago am 3. Juni hatte den Bundestrainer in einer Sonderlage zurückgelassen: Neuer absolvierte am Lake-Shore-Gelände individuelles Lauf- und Kraftprogramm, beim USA-Test am 6. Juni im Soldier Field begann Oliver Baumann im Tor, Neuer fuhr nicht einmal in den Stadioninnenraum mit. Zwei Tage später, mit dem Umzug der DFB-Delegation per Charterflug zum Smith Reynolds Airport am Montagmittag, stand der Belastungsaufbau am vorletzten Schritt. Am Abend folgte der letzte: Mannschaftseinheit mit Ball, mit Pfostenrahmen, mit Strafraumdrills.
Sportschau-Reporterinnen beschreiben den Kapitän als sichtlich entspannt. Neuer drehte die Aufwärmrunden mit der gesamten Mannschaft, ging dann mit Torwarttrainer Andreas Köpke und den anderen drei Schlussmännern an die Linie zur Standardroutine: hohe Bälle, flache Pässe ins Aufbauspiel, Schussabwehr. Anschließend reihte er sich in die Spielform mit Stürmer-gegen-Verteidiger-Duellen ein. Eine Einschränkung kommunizierte der DFB nicht; Ersatzkeeper Alexander Nübel und Backup Jonas Urbig absolvierten ihre Einheiten parallel ohne Sonderrolle.
Damit ist die Antwort auf die Frage, die seit drei Wochen über jedem DFB-Update hing, zumindest vorläufig gegeben. Neuer ist im Mannschaftsbetrieb, die WM-Nummer eins trainiert wieder mit. Was bleibt, ist die Frage, ob die Belastungssteuerung der nächsten sechs Tage durchhält - aber das war auch der Plan, den Nagelsmann am 21. Mai bei der Kaderbekanntgabe öffentlich gemacht hatte.
3.000 Fans, ein ausverkauftes College-Stadion
Das Spry Stadium ist eine Anlage, die in einer normalen US-College-Soccer-Saison von Demon-Deacons-Heimspielen gegen Pittsburgh oder North Carolina State gefüllt wird, kaum darüber hinaus. 3.000 Sitzplätze, fertiggestellt 1996, Naturrasen, eine Tribüne entlang der Längsseite, eine kleine Gegengerade. Wer als deutscher Fan eines der raren Tickets ergattern wollte, musste sich beim DFB-Fanclub anmelden oder Wake-Forest-Kanäle nutzen - das Kontingent für die Öffentlichkeit war auf wenige hundert Plätze begrenzt.
Genau das ist am Montagabend passiert: ausverkauft, die Tribünen voll, viele schwarz-rot-goldene Schals, die nach drei Jahren ohne deutsches Turniererlebnis in den USA das erste Mal wieder eine WM-Aura mit-gestalten. Auf den Rängen zu sehen waren auch Vertreter der DFB-Verbandsspitze um Präsident Bernd Neuendorf und Direktor Andreas Rettig, dazu ein paar Wake-Forest-Funktionäre, die mit der DFB-Delegation am Wochenende den letzten Schliff für die Trainingslogistik abgestimmt hatten. Der Standort Winston-Salem hat sich am Tag eins so präsentiert, wie die Standortentscheidung im Sommer 2025 begründet worden war: ein abgeschirmter Campus, eine überschaubare Kulisse, eine Stadt, die sich auf eine Mannschaft einlässt, statt sie zu vereinnahmen.
Wer das Bild aus deutscher TV-Perspektive einordnen will, sollte sich erinnern: Bei den letzten beiden Vorbereitungen, EM 2024 in Herzogenaurach und der WM 2022 in Al-Shamal, war die Trainings-Kulisse entweder geschlossen oder vom Gastgeber inszeniert. Der Mix aus offizieller Öffentlichkeit (FIFA-Pflicht: ein offenes Training pro Vorbereitungswoche) und kleiner Privat-Anlage, in der die Mannschaft die eigenen Anhänger sieht, ist neu - und vom DFB als Stimmungsfaktor offenbar bewusst eingeplant worden.
Was Nagelsmann zur ersten Trainingswoche sagt
Bundestrainer Julian Nagelsmann hat am Mittag direkt am Smith-Reynolds-Flughafen kurz vor der Kamera Stellung bezogen, am Abend folgte im Nachgang des Trainings ein zweiter Block. Das Schlüssel-Zitat des Tages: Es gehe darum, “eine gute Mischung zu finden”, einen “guten Mix aus konzentrierter Gegnervorbereitung und konzentriertem allgemeinem Training, das uns weiterbringt”. Übersetzt heißt das: Die ersten beiden Tage in Winston-Salem stehen nicht im Zeichen eines minutiösen Curaçao-Specials, sondern eines allgemeinen Hochfahrens nach dem USA-Test, mit allmählicher Verlagerung auf die Auftakt-Themen ab Mitte der Woche.
In der Pressekonferenz-Routine, die der Bundestrainer aus den vergangenen Wochen mitbringt, ist die Aussage typisch. Nagelsmann hatte sich auch in Herzogenaurach und vor dem Finnland-Test in Mainz gegen das öffentliche Mikromanagement einzelner Trainings-Inhalte gewehrt. Was der Kader am ersten Wake-Forest-Tag bekommt: keine drei Stunden Standardsituationen, sondern eine Einheit, in der die Belastung der Reisetage abgefedert und die WM-Hierarchie sichtbar gemacht wird. Mit Neuer im Tor. Damit ist die wichtigste Personalfrage öffentlich beantwortet, ohne dass der Bundestrainer sie aussprechen musste.
Die zweite Botschaft des Tages liefert die Mannschaft selbst. Nachnominiert nach Lennart Karls Muskelbündelriss ist Assan Ouedraogo am Montag erstmals im DFB-Trikot dabei. Der RB-Leipzig-Profi hat den Charterflug aus Chicago direkt am Flughafen mit der Mannschaft mit-aufgenommen, im Spry Stadium war er Teil der ersten Trainings-Form. Die Antwort darauf, ob Ouedraogo am 14. Juni gegen Curaçao im 23er-Spieltagskader stehen wird, vertagt der DFB auf die Mitte der Woche.
Was bis zum Curaçao-Auftakt am 14. Juni offen bleibt
Sechs Tage bis zum WM-Auftakt im NRG Stadium in Houston, Spielbeginn 19:00 Uhr MESZ. Die offenen Themen sind nach dem Montagabend-Training überschaubar:
- Belastungssteuerung Neuer: Eine komplette Mannschaftseinheit absolviert, der Test mit zwei vollen Trainingstagen bis Donnerstag steht aus. Wenn der Kapitän auch dann ohne Sonderrolle dabei ist, ist die Diskussion vor dem Curaçao-Spiel vom Tisch.
- Sturm-Mosaik: Karls Ausfall hat den rechten Flügel an Leroy Sané gegeben. Im Curaçao-Spiel ist Sané rechts gesetzt; offen ist die Joker-Rolle für Florian Wirtz und Jamal Musiala.
- Ouedraogo-Einsatzfrage: Der Nachnominierte trainiert mit, Spielzeit gegen Curaçao steht laut DFB-Internen noch nicht fest.
- Aufgebot Innenverteidigung: Jonathan Tah und Antonio Rüdiger sind als Stamm-Paar gesetzt; David Raum links, Joshua Kimmich rechts, Pascal Groß als Doppel-Sechser mit Aleksandar Pavlovic.
- Stimmung in Winston-Salem: Der Montagabend war eine Standortbestimmung, kein Höhepunkt. Die nächste öffentliche Trainingseinheit ist für Dienstag-Nachmittag Ortszeit angesetzt, die ausführliche Kader-PK mit Nagelsmann + Neuer + einem dritten Spieler für Mittwoch.
Was die Mannschaft am 8. Juni in Winston-Salem produziert hat, ist genau das, was die DFB-Auswahl bei der WM 2026 sechs Tage vor dem Auftakt brauchte: ein klares Bild zum Kapitän, eine spürbar gehobene Stimmung an Tag eins im Basislager und eine Öffentlichkeit, die nach den ruhigen Wochen in Chicago wieder sichtbar geworden ist. Der nächste Schritt ist der Anpfiff im NRG Stadium am Sonntagabend.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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