Zum Inhalt springen
WM 2026

Neuendorf nennt Infantino-Reformbrief 'durchschaubares Manoever': DFB-Praesident wirft FIFA-Chef Wiederwahl-Kalkuel vor

Neuendorf nennt Infantinos Reformbrief am 22.09.2026 ein 'durchschaubares Manoever' zur Wiederwahl-Sicherung 2027 und spricht FIFA-Chef Glaubwuerdigkeit ab.

Von Die Redaktion 22. September 2026

Mainz, 31. Mai 2026: Bernd Neuendorf, DFB-Praesident, vor dem Testspiel Deutschland gegen Finnland (4:0) in der MEWA Arena. Rund vier Monate spaeter, am 22. September 2026, nennt Neuendorf gegenueber der Sport-Informationsdienst-Agentur SID den Reformbrief von FIFA-Praesident Gianni Infantino ein 'durchschaubares Manoever, um seine Wiederwahl im kommenden Jahr zu sichern'. Foto: osnapix / Marcus Hirnschal / action press. Foto: Actionpress via SmartFrame

DFB-Praesident Bernd Neuendorf hat am 22. September 2026 um 14:00 Uhr ueber die Nachrichtenagentur SID auf den Reformbrief von FIFA-Praesident Gianni Infantino reagiert und die Reform-Zugestaendnisse als “durchschaubares Manoever” zur Sicherung von Infantinos Wiederwahl im kommenden Jahr zurueckgewiesen. Der Reformbrief war am 21. September an die Chefs der 211 FIFA-Mitgliedsverbaende und die FIFA-Council-Mitglieder verschickt worden und enthielt zwei konkrete Zugestaendnisse: eine unabhaengige externe Untersuchung des Governance-Systems fuer grosse strategische Projekte sowie eine strukturierte Konsultations-Runde mit Konfoederationen und Verbaenden. Neuendorf raeumt in seinem SID-Statement zwar ein, dass “auch die FIFA erkannt zu haben scheint, dass Aenderungen unerlaesslich sind”, spricht Infantino aber die Amtstauglichkeit ab: Er sei “definitiv nicht die richtige Person, um einen Reformprozess zu moderieren”, habe “jegliche Glaubwuerdigkeit verspielt”. Es ist die erste substanzielle deutsche Antwort auf den Reformbrief und zugleich Neuendorfs schaerfste Personalisierung der Governance-Kritik seit seiner Thessaloniki-Aussage vom 15. September, das ‘System Infantino’ muesse ‘beendet werden’.

Neuendorfs drei Kernaussagen im SID-Statement am 22. September

Die Neuendorf-Erklaerung liegt in drei knappen Wortlaut-Bloecken vor, die die Sport-Informationsdienst-Agentur SID am Montagnachmittag verbreitet hat. Der erste Block enthaelt die zentrale Kategorisierung: “Ich halte das Schreiben von Gianni Infantino fuer ein durchschaubares Manoever, um seine Wiederwahl im kommenden Jahr zu sichern.” Diese Formulierung ist praezise: Neuendorf spricht nicht vom “Reformangebot”, nicht vom “Brief”, sondern vom “Schreiben” - eine bewusst zurueckgestufte Wortwahl, die den Adressierungs-Charakter (Brief an 211 Verbaende) betont und den Reform-Charakter herabstuft.

Der zweite Block ist die Zugestaendnis-Passage: “Grundsaetzlich scheint nun auch die FIFA erkannt zu haben, dass Aenderungen unerlaesslich sind.” Der DFB-Praesident konzediert damit, dass die Reform-Debatte ueberhaupt gefuehrt wird - eine Anerkennung dafuer, dass Infantino das Watzke-Neuendorf-UEFA-CONCACAF-Kritik-Ensemble der vergangenen Wochen registriert hat. Der Konjunktiv “scheint” und das relativierende “grundsaetzlich” halten die Zugestaendnis-Zone allerdings eng.

Der dritte Block ist die Ablehnungs-Passage: “Allerdings ist Gianni Infantino definitiv nicht die richtige Person, um einen Reformprozess zu moderieren. Er hat jegliche Glaubwuerdigkeit verspielt.” Zwei Kategorien werden damit gesetzt: die Moderations-Kategorie (“nicht die richtige Person, um… zu moderieren”) und die Glaubwuerdigkeits-Kategorie (“jegliche Glaubwuerdigkeit verspielt”). Beide bewegen sich auf der Personal-Ebene und nicht mehr auf der Ebene der Institutionen oder der Prozesse.

Der Wiederwahl-Vorwurf - warum Neuendorf das Reformangebot als Wahlkampf-Manoever liest

Die inhaltliche Pointe des SID-Statements liegt in der Verknuepfung des Reformbriefs mit dem FIFA-Praesidentenwahlkampf. Am 18. Maerz 2027 waehlt der ordentliche FIFA-Kongress in Rabat einen Praesidenten fuer die Amtsperiode 2027 bis 2031; die Bewerbungsfrist endet am 18. November 2026. Aus Neuendorfs Sicht ist der Reformbrief vom 21. September ein Instrument, das die 155 nicht-europaeischen Verbaende - die AFC-, CAF-, CONCACAF-, CONMEBOL- und OFC-Basis, die Infantino bislang traegt - in der Kongress-Mehrheit halten soll.

Die Logik ist zeitlich unterlegt. Zwischen dem Reformbrief und der Bewerbungsfrist liegen 58 Tage; zwischen Bewerbungsfrist und Wahl weitere vier Monate. In diesem 58-Tage-Fenster kann Infantino die Reform-Signal-Wirkung im 211-Verbaende-Netzwerk maximieren, ohne die konkreten Umsetzungs-Schritte (Rat-Beschluss zur externen Untersuchung, Auftrags-Vergabe, Ergebnis-Vorlage) tatsaechlich vollziehen zu muessen. Die Konsultations-Runde ist im Brief bereits als “zeitlich begrenzt” definiert - sie soll vor dem Kongress abschliessen, aber nicht notwendig mit einer verbindlichen Reform.

Genau diese Struktur - Signal jetzt, Umsetzung nach der Wahl - liest Neuendorf als Kalkuel. Die Zugestaendnis-Vagheit (“fuer grosse strategische Projekte”, “unabhaengige externe Untersuchung” ohne benannten Traeger) wird damit zum eigentlichen Substanz-Test. Wer die Untersuchung durchfuehren wuerde, was ihr Auftrag exakt umfasst und ob die Ergebnisse verbindlich waeren, klaert der Brief nicht. Fuer Neuendorf ist das die Antwort: Wenn die Substanz erst nach der Wahl geliefert werden muss, ist die Ankuendigung eine Wahlkampfhandlung.

Von “zerruettet” zum “definitiv nicht die richtige Person” - die DFB-Ebenen-Verschiebung in sieben Tagen

Der Vergleich mit Neuendorfs Thessaloniki-Aussage vom 15. September zeigt eine praezise Ebenen-Verschiebung. Am 15. September hatte Neuendorf beim UEFA-Exekutivkomitee-Treffen im RTL/ntv-Interview gesagt: “Das System Infantino muss beendet werden.” Das war die institutionelle Ebene. Am 22. September lautet die Formel: “definitiv nicht die richtige Person”. Das ist die personale Ebene.

Die Distanz zwischen den beiden Aussagen betraegt sieben Tage - genau der Zeitraum zwischen dem UEFA-ExCo in Thessaloniki (15.09.), Watzkes Ruecktrittsforderung in Berlin (17.09.), dem UEFA-CONCACAF-Milliarden-Antrag und der Schweizer Strafanzeige (19.09.) und Infantinos Reformbrief (21.09.). In diesem Sieben-Tage-Korridor hat sich die Post-WM-Governance-Kaskade von der System-Kritik zur Personal-Kritik verschoben. Neuendorf folgt der Bewegung mit einer Woche Verzoegerung, aber ohne die “Weg”-Formel selbst zu uebernehmen.

Die Glaubwuerdigkeits-Kategorie ist dabei die neue Zutat. Weder in der Thessaloniki-Aussage vom 15. September noch in Neuendorfs Juli-Position zum Zehn-Milliarden-Investoren-Plan hatte der DFB-Praesident die Glaubwuerdigkeit als absoluten Vorwurf formuliert. Dass er sie jetzt setzt - “jegliche Glaubwuerdigkeit verspielt” - markiert das Ende der Verhandlungs-Zone auf DFB-Seite. Mit einem Amtstraeger ohne Glaubwuerdigkeit kann kein Reformprozess gemeinsam moderiert werden.

Wie sich Neuendorfs Statement zur Watzke-Ruecktrittsforderung verhaelt

DFL-Ligapraesident Hans-Joachim Watzke hatte am 17. September beim Big-Bang-KI-Festival in Berlin die persoenliche Ruecktrittsforderung an Infantino ausgesprochen: “Er sollte weg. Ohne Wenn und Aber.” Neuendorf uebernimmt die “Weg”-Formel im SID-Statement nicht. Die Zurueckhaltung hat institutionelle Gruende: Als DFB-Praesident sitzt Neuendorf im UEFA-Exekutivkomitee und - anders als Watzke, der dort auch ExCo-Mitglied ist - vertritt er den Verband auf FIFA-Kongress-Ebene. Eine explizite Ruecktrittsforderung wuerde die deutsche Verhandlungs-Position vor der UEFA-Sitzung im Oktober verengen.

In der Konsequenz konvergieren die beiden Stimmen aber. Watzke fordert den Ruecktritt, Neuendorf spricht die Amts-Moderations-Faehigkeit ab und wirft dem Amtsinhaber Wiederwahl-Kalkuel vor. Beide Positionen sind mit einem Weiterlaufen der Amtszeit ueber Rabat 2027 hinaus nicht vereinbar. Die deutsche Doppelstimme im europaeischen Fussball-Establishment ist damit auf eine faktisch koordinierte Anti-Infantino-Linie zusammengelaufen, ohne dass DFB und DFL formell abgestimmt haetten.

Fuer die UEFA-Berlin-Sitzung am 8. und 9. Oktober bedeutet die Konvergenz einen praktischen Vorteil: Die deutschen Vertreter koennen mit einer eindeutigen nationalen Position in die europaeische Koordinierung gehen, waehrend andere Verbaende - etwa der italienische FIGC oder der spanische RFEF - bislang keine vergleichbare Doppel-Positionierung ihrer institutionellen Spitzen vorgelegt haben. Fuer die Kandidaten-Frage der UEFA bleibt Neuendorfs Personal-Kritik aber diplomatisch offen: Die “Weg”-Konsequenz muss nicht sofort in einen konkreten Gegenkandidaten uebersetzt werden.

17 Tage bis UEFA-Berlin - der DFB-Fahrplan zur Kandidaten-Frage

Zwischen Neuendorfs SID-Statement und der UEFA-Sitzung in Berlin liegen 17 Tage. Bei der Sitzung am 8. und 9. Oktober sollen nach Beobachter-Erwartung die 55 europaeischen Verbaende ihre Kandidaten-Frage und die abgestimmte Reform-Agenda entscheiden. Es ist die dritte grosse UEFA-Etappe nach Nyon (wo der Boykott-Beschluss gefasst und wieder verhandelt worden war) und Monaco (wo die UEFA-Position gegen den Investoren-Plan konsolidiert wurde). Berlin waere der Ort, an dem die europaeische Anti-Infantino-Front vor der Bewerbungsfrist am 18. November festlegt, ob sie mit einem eigenen Kandidaten in den Wahlkampf geht.

Neuendorfs Position vor Berlin ist mit dem Statement vom 22. September verschaerft. Der DFB-Praesident wird bei der Sitzung mit einer harten nationalen Doppelstimme argumentieren koennen, die den Amtsinhaber sowohl institutionell (System zerruettet, Governance-Prozesse mangelhaft) als auch personal (nicht die richtige Person, keine Glaubwuerdigkeit) angreift. Fuer die UEFA-Koordinierung ist die deutsche Position damit eine der Ankerpositionen - vergleichbar mit der niederlaendischen KNVB-Position aus dem Amsterdam-Zukunftsgipfel-Angebot vom 31. August, die ebenfalls eine substanzielle Reform-Agenda mit Personal-Konsequenz kombiniert.

Watzke wird als UEFA-Exekutivkomitee-Mitglied in Berlin dabei sein. Neuendorf sitzt zwar nicht im UEFA-ExCo, aber als DFB-Praesident wird er in die deutsche Vor-Abstimmung eingebunden sein. Fuer die Berlin-Sitzung deutet sich damit eine strukturell koordinierte deutsche Position an, die den Rueckzugs-Weg fuer Infantino verengt.

57 Tage bis Rabat-Bewerbungsschluss - der offene Gegen-Kandidat

Am 18. November 2026 endet die Bewerbungsfrist fuer die FIFA-Praesidentenwahl in Rabat. Vom 22. September aus verbleiben 57 Tage. Kandidaten brauchen fuenf schriftliche Unterstuetzungserklaerungen aus Mitgliedsverbaenden, um zugelassen zu werden. Ein Gegenkandidat zu Infantino ist bislang nicht benannt. UEFA-Praesident Aleksander Ceferin hat am 24. August im Podcast ‘The Rest Is Politics Leading’ eine eigene Kandidatur ausgeschlossen. Als potenzieller Herausforderer aus der CONCACAF gilt der kanadische Verbandspraesident und CONCACAF-Chef Victor Montagliani, der sich in mehreren offenen Briefen von Infantinos Kurs distanziert hatte.

Neuendorfs Statement ist damit taktisch platziert: Es baut den Druck vor der Bewerbungsfrist auf, ohne selbst einen Kandidaten zu benennen. Der DFB-Praesident kann nach der UEFA-Berlin-Sitzung im Oktober seine Position praezisieren, wenn die europaeische Koordinierung einen Namen produziert. Bis dahin bleibt die deutsche Position eine harte inhaltliche Ablehnung mit offener Kandidaten-Frage.

Ob Infantinos Reformbrief die Anti-Infantino-Koalition bremsen kann, entscheidet sich in den kommenden zwei Wochen. Die deutschen Stimmen aus DFB und DFL sind gesetzt. Die naechsten Signale werden aus der UEFA-Basis erwartet - insbesondere von den Verbaenden, die im Investoren-Plan-Streit zwischen den Fronten laviert haben. Neuendorfs “durchschaubares Manoever”-Formel gibt dem europaeischen Fussball einen scharfen Deutungsrahmen fuer den Reformbrief mit: Sie ist die Position, gegen die andere Verbaende sich jetzt positionieren muessen. Der weitere WM-2026-Kalender - vom Klopp-Debut in Amsterdam am 24. September bis zum FIFA-Kongress in Rabat - laeuft parallel weiter, aber die Governance-Front dominiert die Herbst-Schlagzeilen. Der zurueckgezogene Zehn-Milliarden-Investoren-Plan, aus dem die gesamte Kaskade entstanden ist, bleibt der Referenzfall - und der Beleg, dass Infantinos Governance-Prozesse ohne externe Untersuchung nicht laufen sollten.

Autor

Die Redaktion

fussballweltmeisterschaft.online

Das Redaktionsteam von fussballweltmeisterschaft.online berichtet rund um die Fußball-Weltmeisterschaft - von der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko über die DFB-Auswahl bis zur WM-Geschichte und den Nationalmannschaften der Welt.

Mehr aus WM 2026